E.T.A. Hoffmanns Kristall als eisige Seelenlandschaft

Erfolgreiche Uraufführung im Rahmen der Saarbrücker Herbstmusik: Eveline Sebaa inszenierte E.T.A. Hoffmanns Novelle „Der goldene Topf“ als romantisches Kunstmärchens fürs Theater mit Tanz und Livemusik.

Als in E.T.A. Hoffmanns Novelle "Der goldene Topf" der Student Anselmus versehentlich den Apfelkorb eines alten Marktweibes umstößt, trifft ihn deren Fluch: "Ins Kristall bald Dein Fall!" Eveline Sebaas (Regie, Bühne) Inszenierung des romantischen Kunstmärchens als Theater mit Tanz und Livemusik zeichnet dieses Kristall als eisige Seelenlandschaft: Der Boden weiß ausgelegt, die Wände mit schuppenartig übereinander geschichteten weißen Papierblättern verkleidet, Stroboskopkugeln streuen irisierende Lichtflocken - es herrscht Eiszeit. Und Anselmus tritt seine ganz besondere Winterreise an, bei der er sich immer mehr von der realen Welt entfernt und sein Heil im Phantastischen sucht.

Am Donnerstag bescherte die Uraufführung im Rahmen der Saarbrücker Herbstmusik dem quer bestuhlten Theater im Viertel ein so volles Haus, dass die Zuschauer sich wie Sardinen in der Dose aneinander pressten.

Hoffmanns Novelle, die biblische Motive (Apfel, Schlange) positiv umdeutet, passt zum Chamisso-Thema der diesjährigen Sommermusik: Es geht um Fernweh; hier im Sinne eines Rückzugs vom Alltag ins Innere, in die Traumwelt des Selbst, was auch als Schizophrenie diagnostiziert werden kann. Voller Verweise auf Hoffmann-Typisches erzählt Sebaa Anselmus' (mit Fabulierlust: Ingo Fromm) Kreiseln zwischen Realität und Poesie, zwischen der Vernunftverbindung mit Veronika und seiner Liebe zu dem zauberischen Schlangenmädchen Serpentina (beide verkörpert von Bérengère Brulebois) als ironisch gebrochenes, beständiges Ringen um Nähe. Wie musikalische Kommentare wider bürgerliche Spießigkeit nehmen sich eine kuschelige Jazz-Ballade und ein schräger Walzer aus, ansonsten lässt das Duo "PdZ" alias Manuel Krass (E-Piano) und Stephan Goldbach (gestrichener Kontrabass) virtuos spannungsgeladene Klanglandschaften flirren.

Noten von Mendelssohn-Bartholdy begleiten das Happy End (?) von Anselmus und Serpentina am Sehnsuchtsort Atlantis, dem von Sebaa hinzugefügte, filmisch gedoppelte Szenen einer Ehe vorausgehen - Fromm und Brulebois agieren intensiv und authentisch. Verdienter Applaus.

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