Verpflichtende U-Untersuchungen stehen an „Wir wissen nicht mehr weiter“ – so verzweifelt sucht Familie Gemmel nach einem Kinderarzt in Neunkirchen

Neunkirchen · Am 29. Februar ist die kleine Verica zur Welt gekommen. Seither suchen ihre Eltern nach einer medizinischen Betreuung für sie und das bislang ohne Erfolg. Jetzt stehen die verpflichtenden U-Untersuchungen an – und jetzt?

Der kleinen Verica sind die Sorgen, die sich ihre Eltern Vierica und Berthold Gemmel machen, noch ziemlich egal.

Der kleinen Verica sind die Sorgen, die sich ihre Eltern Vierica und Berthold Gemmel machen, noch ziemlich egal.

Foto: Marc Prams

Die kleine Verica hat es in den wenigen Wochen, seit sie auf der Welt ist, bereits zum zweiten Mal in die SZ geschafft. Der erste Anlass war ein schöner, nämlich das Datum ihrer Geburt: 29. Februar. Da war die Freude bei ihren Eltern, Vierica und Berthold Gemmel, in Neunkirchen natürlich riesig. Aber dann begann die Suche. Nach einem Kinderarzt. Und die ist bis heute erfolglos geblieben.

„Ich habe bei rund 80 Kinderärzten angerufen, nirgendwo wurden wir angenommen“

„Wir wissen nicht mehr weiter. Ich habe bei rund 80 Kinderärzten angerufen, bis nach Landau, aber nirgendwo wurden wir angenommen. Überall hieß es, dass keine neuen Patienten mehr aufgenommen werden, weil es keine Kapazitäten mehr gibt“, sagt Berthold Gemmel, dessen Ärger sich nicht gegen die Ärzteschaft richtet, sondern gegen die Politik, die er für den Mangel an Ärzten verantwortlich macht. „Es kann doch nicht sein, dass es keine Kinderärzte mehr gibt und man immer zum Notdienst muss, wenn das Kind krank ist“, klagt er. Bis auf einen leichten Husten samt Augenentzündung, was im Notdienst in der Marienhausklinik in Kohlhof behandelt wurde, war die kleine Verica bislang kerngesund. Aber da sind ja auch die Früherkennungsuntersuchungen, die sogenannten U-Untersuchungen, die regelmäßig bei Kindern anstehen.

„Die U1 und die U2 wurden in den Tagen nach der Geburt auf dem Kohlhof durchgeführt. Für die U3 wollten wir dann zum Kinderarzt, aber das war schwierig“, sagt Mutter Vierica. Nach langer Suche hätte sich ein Kinderarzt in Saarlouis bereit erklärt, die U3 durchzuführen, aber gleich darauf hingewiesen, dass er keine Kapazitäten habe, um die Familie weiterhin zu betreuen. „Jetzt sind wir wieder auf der Suche. Die U4 steht im April an. Das ist uns wichtig. Außerdem: Wenn man dem nicht nachkommt, kann es passieren, dass das Jugendamt sich meldet“, sagen die Eltern, denen ihre Verzweiflung anzumerken ist.

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Foto: BeckerBredel

Das sagt der Landkreis Neunkirchen

Die Sorge der Eltern ist berechtigt, wie eine Anfrage beim Landkreis Neunkirchen zeigt. „Die U-Untersuchungen sind insoweit verpflichtend, dass sie zum Kindeswohl durchgeführt werden sollen“, teilt die Pressestelle des Landkreises mit. Über eine zentrale Stelle am Uniklinikum Homburg, dem Zentrum für Kindervorsorge, würden den Gesundheitsämtern nicht zeit- und fristgerecht durchgeführte und nicht rückgemeldete U-Untersuchungen angezeigt. Das Gesundheitsamt setze sich dann, auf der Grundlage einer Rechtsverordnung, mit den betroffenen Eltern in Verbindung. Diese würden an die Notwendigkeit der Untersuchung erinnert und gegebenenfalls beraten.

„Bei mehrmaliger Kenntnis einer nicht durchgeführten U-Untersuchung erfolgt vom Gesundheitsamt eine Meldung über den Sachstand und die Abgabe des Falls an das Jugendamt. Dieses entscheidet in eigener Zuständigkeit über das weitere Vorgehen und prüft, ob beispielsweise eine Kindswohlgefährdung zu vermuten ist oder sogar vorliegt“, heißt es weiter. Von Seiten des Gesundheitsamtes würden aber keine weiteren persönlichen oder rechtlichen Konsequenzen für die Eltern ausgesprochen oder veranlasst.

Deshalb gibt es das Meldesystem

Wichtig sei aber anzumerken, dass die Durchführung der Vorsorgeuntersuchung des Kindes an sich für die Eltern nicht verpflichtend sei. „Das Meldesystem wurde etabliert, um beizutragen, dass möglichst alle Kinder regelmäßig ärztlich gesehen werden können und somit mögliche Kindeswohlgefährdungen nicht unentdeckt bleiben sollen“, heißt es vonseiten der Kreis-Pressestelle.

Die Bezeichnung „Verpflichtende Vorsorgen“ meine, dass die niedergelassenen Kinderarzt- und Hausarztpraxen verpflichtet seien, die Durchführung der Vorsorgeuntersuchung an das ZfK Homburg zurückzumelden.

Viele weitere Eltern suchen nach einem Kinderarzt

Wie Familie Gemmel geht es derzeit noch weiteren Eltern, die für ihr Kind eine dauerhafte medizinische Versorgung suchen. Nach Angabe der Kassenärztlichen Vereinigung Saarland (KV) sind im Landkreis Neunkirchen derzeit acht Kinderärzte mit sieben Versorgungsaufträgen tätig. Generell könne die KV zwar nicht beurteilen, ob die niedergelassenen Kinder- und Jugendmedizinischen Arztpraxen überlastet seien, „jedoch können wir bestätigen, dass auch bei Terminvermittlungen über die Terminservicestelle Wartezeiten für eine Terminvermittlung auftreten können“. Auf die Frage, ob Eltern ein Anrecht darauf haben, dass ihre Kinder kinderärztlich versorgt werden, teilt die KV mit: „Sollte ein Kind aus gesundheitlichen Gründen und aus medizinischer Sicht in einem entsprechenden Zeitraum einem Kinder- und Jugendmediziner vorgestellt werden, ist dies auch jederzeit möglich.“

Aber wohin können sich Eltern wenden, wenn eine U-Untersuchung ansteht, sie aber keinen festen Kinderarzt haben? „Sollten Terminanfragen in den Kinderarztpraxen offenbleiben, dürfen sich die Betroffenen an die 116 117 wenden und sollten zusätzlich das zuständige Jugendamt über die Wartezeit und eventuelle Verzögerung der Fristen informieren“, teilt die KV mit.

Was tun im Notfall?

Im Notfall gibt es Unterstützung vom Kreis, wie dessen Pressestelle mitteilt: „Die Durchführung dieser U-Untersuchungen kann subsidiär in Einzelfällen durch die Ärzte und Ärztinnen des Gesundheitsamtes erfolgen, wenn keine U-Untersuchung beim niedergelassenen Arzt möglich ist. Dabei ist jedoch zu berücksichtigen, dass hierfür eine entsprechende ärztliche Expertise (Facharztqualifikation oder zumindest langjährige kinderärztliche Berufserfahrung) erforderlich ist.“

Auf die Frage, wohin sich Eltern, gerade mit Säuglingen, generell wenden können, wenn ihre Kinder ärztliche Hilfe benötigen, teilt die KV mit: „Gerne dürfen sich die Eltern der Kinder an die 116 117 wenden. Wir stehen in täglichem Kontakt mit den Kinderarztpraxen zur Terminbeschaffung und versuchen, bestmöglich den eingehenden Terminanfragen gerecht zu werden, da auch wir dringend auf die Unterstützung und somit auf die Meldung freier Termine der Kinder- und Jugendmediziner angewiesen sind.“

Familie Gemmel weiter auf der Suche nach einem Arzt

Das Ehepaar Gemmel wird weiterhin versuchen, endlich einen festen Kinderarzt oder eine Kinderärztin für seine Tochter zu finden. Ein kleiner Trost: Verica bekommt von all den Sorgen nichts mit. Sie schaut sich mit ihren hübschen Augen um, nuckelt am Schnuller, spielt mit ihren Fingerchen und dreht sich für ein kleines Schläfchen lieber nochmal rum.

116117 ist die bundesweit einheitliche Rufnummer für Patienten, die schnellstmöglich ärztliche Hilfe benötigen, vorwiegend in den sprechstundenfreien Zeiten.

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