Parallelgesellschaft in den Lehrerzimmern

30 Prozent der unter Zehnjährigen haben Migrationshintergrund. Doch nur sechs Prozent der Lehrer. Für viele Schüler fehlen Ansprechpartner, die ihre Erfahrungen teilen. Dem will die Zeit-Stiftung entgegenwirken.

"Ich habe mich einfach anders gefühlt." Als Lith Al-Gayar mit vier Jahren aus dem Irak nach Deutschland kam, war er der Fremde. Der Sprache kein bisschen mächtig, der Neue eben, mit dem niemand spricht. "Das war schon komisch. Vor allem am Anfang in Rheinland-Pfalz. Da war ich in der Klasse der Einzige mit Migrationshintergrund. Auch von den Lehrern habe ich mich anders behandelt gefühlt." Erst als seine Familie ins Saarland zog und er in seiner Klasse nicht mehr der einzige Schüler mit Migrationshintergrund war, hat sich das geändert. "Das hat man auch am Umgang der Lehrer gemerkt. Wenn fast die Hälfte der Schüler Migranten sind, passen sich die Lehrer eher an." Aber Verständnis spürte der 21-jährige Schüler des Wirtschaftsgymnasiums in Saarbrücken selten.

Knapp 30 Prozent der Kinder unter elf Jahren in Deutschland haben Migrationshintergrund. Ein Begriff, der ja überhaupt erst im Zuge der großen Pisa-Studie und des verheerenden Abschneidens Deutschlands in diesem Vergleichstest aufgekommen war. Demgegenüber stehen nur sechs Prozent der Lehrer, die selbst einen Migrationshintergrund haben. "Überspitzt gesagt, gibt es in den Lehrerzimmern eine Parallelgesellschaft", sagt Professorin Stefanie Haberzettl, Lehrstuhlleiterin für Deutsch als Zweit- und Fremdsprache an der Universität des Saarlandes.

Um zumindest ein wenig an diesem Missverhältnis zu ändern, sind derzeit 21 Schüler aus dem ganzen Saarland an der Universität zu Gast. Der Schülercampus der Zeit-Stiftung will damit Jugendlichen mit Migrationshintergrund den Lehrerberuf schmackhaft machen und erste Einblicke geben. Manche Schüler hätten Probleme, zu denen Lehrer mit ähnlichen Erfahrungen leichter Zugang hätten, sagt Michael Ernst, Ministerialrat für Lehrerfortbildung, und meint: "Wir brauchen uns gegenseitig."

Dabei spielen auch Sprachprobleme eine Rolle, erklärt Haberzettl, doch habe sich gezeigt, dass diese Probleme auch für Kinder ohne Migrationshintergrund gelten. Eine Studie mit saarländischen Siebtklässern zeigte, dass kaum Unterschiede beim Textverständnis festzustellen sind. Dennoch berichten Lehrer mit Migrationshintergrund aber immer wieder von Gesprächen mit Eltern, die ihnen gegenüber offener seien. Entscheidend sei vor allem die Wahrnehmung der Probleme der Schüler und ihren Eltern.

Mehr Lehrer mit Migrationshintergrund würden schlicht die Realität der Jugendlichen abbilden, sagt Haberzettl: "Sie sollen sich nicht als Minderheit begreifen. Das sind sie nämlich nicht." Das gelte auch für die Lehrer: "Es kann nicht sein, dass ein Lehrerzimmer anders aussieht, als die Welt, die es umgibt." Dazu soll der Schülercampus beitragen. Damit sich Schüler wie Lith Al-Gayar nicht mehr anders fühlen. Sondern ganz normal.