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Geplante Abschaffung des Saarbrücker Kulturdezernats: Künstler machen sich Luft

Auch ein Teil der Saarbrücker Kultur: das Festival Perspectives. Hier das Picknick-Theater mit der Compagnie Artonik im Deutsch-Französischen Garten im Jahr 2010. Archivfoto: Maurer
Auch ein Teil der Saarbrücker Kultur: das Festival Perspectives. Hier das Picknick-Theater mit der Compagnie Artonik im Deutsch-Französischen Garten im Jahr 2010. Archivfoto: Maurer
Saarbrücken. Die Kulturszene läuft Sturm gegen die Stadtrats-Entscheidung, das Kulturdezernat einzusparen. In einer von der SPD veranstalteten Podiumsdiskussion machte sich die Wut Luft. Susanne Brenner

Detlev Krämer vom Theater Überzwerg brachte es in seiner Antwort auf den Punkt. "Wo ist denn für Sie der Unterschied, ob es einen Kulturdezernenten oder einen Dezernenten für, sagen wir mal, Fahrrad und Kultur gibt?" stichelte Moderator Martin Busche. "Dass ich mich mit einem Fachmann unterhalten kann", rief Krämer durch den gut besuchten Rathaus-Festsaal. Und sein Überzwerg-Kollege Bob Ziegenbalg ergänzte provokant: "Jeder Vereinsmeier denkt hier, er kann Kultur".

In der von der SPD-Stadtratsfraktion veranstalteten Podiumsdiskussion zur geplanten Abschaffung eines eigenen Dezernats für Kultur, Schule und Wissenschaft ging es streckenweise hoch her. Und in fast allen Redebeiträgen kam klar zum Ausdruck, dass die Saarbrücker Kulturszene nicht bereit ist, auf einen kompetenten Vertreter im Kreis der Dezernenten zu verzichten. Aber man hatte nicht den Eindruck, dass ihre Sorgen und Wünsche bei der SPD auf offene Ohren stießen.

Auf dem Podium saßen neben SPD-Fraktionschef Peter Bauer als Vertreter der Kultur-Szene der renommierte Schlagzeuger und Musikhochschul-Professor Oliver Strauch und die mehrfach preisgekrönte Performance-Künstlerin Katharina Bihler.

"Wir brauchen einen klugen Kopf in der Verwaltung, der in organisatorischen Dingen 1a aufgestellt ist und ein klares kulturpolitisches Profil hat", erklärte Oliver Strauch in seinem Eingangs-Statement. Wenn die Stadt heute auf einen Kulturdezernenten verzichte, bedeute das realistischerweise, dass es über Jahrzehnte keinen mehr geben werde.

Katharina Bihler versuchte, vor allem die SPD-Stadtratsmitglieder im Publikum zu sensibilisieren für die Wirkung der großen und kleinen Projekte, die die Künstler des Netzwerks Freie Szene haben und für die Bedeutung, die sie einem kompetenten Dezernenten beimessen. "Es ist unabdingbar, dass wir den haben. Kultur ist eine Freiwilligkeit, die der Dezernent immer wieder als Pflicht einfordern muss". Sobald, so wie es jetzt geplant ist, einer der anderen Dezernenten die Kultur noch zusätzlich mitmachen müsse, gerate er quasi in Konkurrenz mit sich selbst: "Er wird nicht so eindeutig für die Kultur sprechen können".

Peter Bauer ließ sich von all dem erkennbar nicht beirren. Nach seiner Überzeugung genügen die "qualifizierten Mitarbeiter" im Kulturamt und das Wohlwollen des Stadtrats. "Dass die Szene so gut ist, hängt ja nicht an den Kulturdezernenten, die wir hatten". Dem widersprachen etliche Zuhörer und erinnerten u.a. daran, dass vieles, wovon man heute noch profitiert, vor Jahren vom damaligen Kulturdezernenten Rainer Silkenbeumer angestoßen wurde.

"Wir verbürgen uns dafür, dass die Kultur keinen Schaden nimmt", betonte Bauer mehrfach - um wenig später zu erklären. "Wenn ich um irgendwas Angst habe bei der Kultur, dann ist es, dass uns das Land einen Sparkommissar schickt". Verständlicherweise trug das nicht zur Beruhigung bei. Und auch als Moderator Busche den Namen Thomas Brück, derzeit Umwelt-, Migrations- und Rechts-Dezernent, als gesetzt ins Spiel brachte (und sofort von Peter Bauer zurückgepfiffen wurde), glätteten sich die Wogen nicht. "Was qualifiziert denn die in Frage kommenden Personen für dieses Amt?", wollte die Bildende Künstlerin Katja Romeyke wissen. Sie bekam keine Antwort.

Der renommierte Cellist Julien Blondel mahnte: "Was in einem Jahr kaputt geht, ist in zehn Jahren nicht aufzuholen, nicht zu reden von den jungen Initiativen, die gar nicht erst entstehen. Nehmen Sie das wirklich in Kauf?". Wie es schien, beantwortet zumindest die SPD-Stadtratsfraktion diese Frage mit ja.


Meinung:
Die Angst der Künstler

Von SZ-Redakteurin Susanne Brenner

" . . . und bin so klug als wie zuvor". Fausts Stoßseufzer dürfte am Donnerstagabend so manchem durch den Kopf gegangen sein. Viel geredet, nichts geklärt, nichts erreicht. Auch wenn Peter Bauer immer wieder betonte "Die Kultur ist sicher". Es erinnerte doch sehr an Norbert Blüms gleichlautendes Versprechen zur Rente. Niemand sprach Konkretes, und man hatte an keiner Stelle das Gefühl, dass Konzepte und langfristige Gedanken die Entscheidungen der Stadtrats-Mehrheit leiten.

Was aber das Haupt-Problem ist, und was keiner der Künstler anzusprechen wagt: Welche Personen kommen denn als künftige Auch-Kulturdezernenten in Frage? Die aktuellen Dezernenten sind ja alle bekannt, und einer von ihnen muss jetzt also die Kultur mit übernehmen. (Die Oberbürgermeisterin hat ja schon abgewinkt). Das Problem: Wirklich zutrauen tut man diese Aufgabe in der Kulturszene keinem der Kandidaten. Aber wer kann das schon laut sagen? Der Mann könnte nachtragend sein. So bleibt die Situation unbefriedigend. Die Kultur hat einen Anspruch auf kompetente Vertretung. Aber wie es aussieht, wird sie die nicht mehr bekommen.