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Ballettproben am Saarländischen Staatstheater in den Zeiten von Corona

Saarbrücker Staatstheater : „Die Freiheit, in Fesseln zu tanzen“

Ballett mit Sicherheitsabstand? Probenarbeit auf Distanz? Stijn Celis’ Ballett am Saarländischen Staatstheater versucht, aus der Corona-Not eine Tugend zu machen.

Hinter Stijn Celis liegt ein Absturz aus dem Siebten Ballett-Himmel. Dort befand er sich am 10. März, nach einem vom Publikum begeistert aufgenommenen Tanzfestival Saar, bei dem auch sein „Clara“-Stück Uraufführung hatte und gefeiert wurde, als Teil des „Future World“-Abends. Vier Tage später hieß es: Lockdown, „Future World“ konnte nicht mehr gezeigt werden. Und auch jetzt noch steht in den Corona-Sternen, wann diese Erfolgsgarant-Produktion wieder im Spielplan auftauchen kann.

Im „vorläufigen Spielplan“, der von September bis Januar 2020 gilt und in allen Sparten nur kleine Formate bietet, hat „Future World“ zwangsläufig keinen Platz: viel Ensemble-Tanz, auf Körpernähe choreographiert. Auch die für 3. Oktober geplante Crossover-Produktion von Opernsängern, auf die Celis und Intendant Bodo Busse sehr stolz sind, muss ausfallen. Der international gefragte französisch-algerische Choreograph Abou Lagraa sollte „Orpheus und Eurydike“ herausbringen. Auf die Position rückt nun „Winterreise“ vor, ein Celis-Projekt nach Franz Schuberts Liederzyklus.

Stijn Celis, Leiter des Balletts am Staatstheater. Foto: Martin Kaufhold/martinkaufhold.de

Das Raumkonzept stand bereits vor März, nun muss Celis nicht nur die Bühne Corona-gerecht neu denken, sondern jeden Tänzerschritt. Nicht nur am Saarländischen Staatstheater, sondern bundesweit entstehen derzeit neuartige Abstands- und Miniatur-Ballette. Unter anderem entwickelt John Neumeier für das Hamburger Ballett „Ghost Light“, das die Corona-Regeln zur Struktur macht. „Wir haben jetzt die Freiheit, in Fesseln zu tanzen“, so beschreibt Ballettmanager Klaus Kieser mit Worten des Komponisten Igor Strawinsky die Situation. Was heißt: Die aktuellen Beschränkungen dienen den Choreographen als Inspirationsquelle. „Sound and Vision“ heißt das erste Stück dieser neuen Machart für das Saarbrücker Theater, das am 3. Oktober heraus kommt. Thema: die Corona-Erfahrungen der Tänzer.

Seitdem  9. Juni darf am Staatstheater generell wieder geprobt werden, auch Celis marschierte direkt in den Ballettsaal. Wie hat man sich die Probenarbeit vorzustellen? Celis und Kieser müssen berichten, Zuschauen ist selbst für die sonst gern gesehenen Medienleute verboten. Das Staatstheater fährt einen energischen Vorsichts-Kurs, nicht nur im Ballett. Beim Bayerischen Staatsballett rückte dem hingegen Ende März Polizei an, um das Ballett-Training zu stoppen. In Saarbrücken lief das freiwillige Training erst viel später wieder an, im Mai. In den zwei Ballettsälen kommen jeweils eine Handvoll Tänzer zusammen, nur in einem ist Ballettmeister Claudio Schellino dabei, in dem anderen Saal wird sein Bild über Video übertragen, zeitgleich auch über Zoom für alle Tänzer, die zuhause mitmachen wollen. Digitales Home-Training wurde in den ersten Wochen schon angeboten. Mitunter gab Schellino dann auch mal Yoga-Stunden oder referierte über Tanzgeschichte.

Klaus Kieser, der Manager des Saarbrücker Balletts. Foto: BeckerBredel

Laut Ballettmanager Kieser gibt es noch keine Studie über Aerosole und keine bundesweit gültigen Vorgaben für die Ballett-Arbeit, sondern nur Empfehlungen des Dachverbandes Tanz Deutschland. In Saarbrücken hält man im Ballettsaal derzeit einen Abstand von drei Metern ein, Markierungen am Boden begrenzen beim Training zudem den Bewegungs-Korridor der Tänzer. Außerdem sorgt ein „Maßnahmebeauftragter“ dafür, dass jederzeit nachvollziehbar ist, wer mit wem zusammen war. Doch was passiert, wenn ein Tänzer an Corona erkranken sollte, ob die Proben dann ganz eingestellt werden oder nur Teile des 19-köpfigen Ballett-Ensembles in Quarantäne gehen – niemand weiß das jetzt schon. Corona ist nun mal die große Theater-Abenteuerreise.

Die Risiken für Tänzer? Schlaffe Muskeln oder kiloweise Übergewicht? Nein, Fit- und Schlank-Bleiben gehört laut Celis zur Routine: „Das Physische ist trivial.“ Er verweist auf die Sondersituation der Tänzer, die aus aller Herren Länder kommen: „Für sie bedeutet die Pandemie eine größere psychische Belastung als für viele Deutsche.“ Die jungen Tänzer seien weltweit untereinander vernetzt, im Ensemble kulminierten also die globalen Corona-Horror-Nachrichten. Paare seien durch Flugverbote und Grenzschließungen getrennt worden, manche hätten um Kranke und ihre Familien in den USA, Spanien oder Italien gebangt. Diese Erfahrungen fließen nun in Celis‘ „Sound and Vision“-Arbeit ein. Dass es inhaltlich ein „Corona-Ballett“ wird, eine platte Themen-Verarbeitung, lässt sich schon jetzt ausschließen, in Kenntnis von Celis‘ grundsätzlich poetisch-abstrahierendem Ansatz. Für „Sound and Vision“ betritt Celis musikalisch Neuland, zieht erstmals Pop- und Unterhaltungsmusik heran, David Bowie, Joni Mitchell, Edith Piaf, Talking Heads. Wohl wissend, besser noch einkalkulierend, dass diese Musik dem Publikum vertraut ist: „Diesmal muss die Musik die Funktion übernehmen, Emotionen zu transportieren, um dicht heranzukommen ans Publikum“.

Im Rückblick beurteilt er die Corona-Phase für die Company als wirklich hart. Was den jungen Leuten am meisten gefehlt hat? „Das Show-Business“, sagt Celis, Live-Auftritte. Die Bühne sei nun mal eine privilegierte Plattform, man dürfe zeigen, was man draufhat. Auch wenn nur wenige Menschen im Saal säßen, alles geschenkt, Hauptsache überhaupt wieder.