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„Edith Aron – Das Papier sagt nichts, hört zu“ am Sonntag, 18.45 Uhr, im SR.

Porträt über Edith Aron am Sonntag im SR : „Ein eigenartiges Elternhaus – ich hatte keinen richtigen Halt“

Zum Tod der Homburger Übersetzerin und Autorin Edith Aron zeigt der SR das sehenswerte Filmporträt „Das Papier sagt nichts, hört zu“.

Vor drei Wochen ist Edith Aron gestorben, im Alter von 96 Jahren. Die gebürtige Homburgerin war literarische Übersetzerin, übertrug als Erste Werke von Jorge Luis Borges und Julio Cortázar ins Deutsche, schrieb schließlich selbst – und hat viel erlebt, an vielen Orten. Davon erzählt das Porträt „Edith Aron – Das Papier sagt nichts, hört zu“, das der SR an diesem Sonntag zeigt. Boris Penth, Filmemacher (und ehemaliger Leiter des Saarbrücker Filmfestivals Max Ophüls Preis), hat über Jahre an dem Film gearbeitet, der 2015 seine Premiere gefeiert hat. Im SR ist nun eine eingedampfte Version zu sehen (von 45 auf 28 Minuten); Herzstück und Basis des Films ist ein Interview, das Penth 2010 mit Aron in ihrer letzten Heimat London geführt hat; bei dem erzählt sie sehr offen und manchmal mit einem melancholisch getönten Sarkasmus aus ihrem bewegten, vollen Leben.

1923 kommt sie in Homburg als Kind jüdischer Eltern zur Welt. Der Vater ist Kaufmann, fährt einen edlen Citroën, hält wenig von Hilfe im Haushalt oder ehelicher Treue – „er war schrecklich zu meiner Mutter“, sagt Aron. Die Christen und Juden hätten harmonisch miteinander gelebt, erzählt sie – bis 1935, als es „heim ins Reich“ ging. Doch als die Homburger Synagoge geschändet und ein jüdischer Laden verwüstet werden, ist Aron schon auf dem Weg nach Buenos Aires: Ihre Mutter erträgt die Vorliebe ihres Mannes für die Dienstmädchen nicht mehr und verlässt ihn. In Argentinien schlagen sich Mutter und Tochter mit einer Vier-Zimmer-Pension durch, während Edith Aron an der deutschen Schule mit klassisch saarländischen Problemen zu kämpfen hat: „Die haben sich erstmal totgelacht, weil ich Homburger Platt gesprochen habe – das hat kein Mensch verstanden.“ Ein Traum verfolgt sie über die Jahre: dass ihre Mutter und ihr Vater wieder zusammen und versöhnt sind. „Es war ein eigenartiges Elternhaus“, sagt sie im Interview, „ich hatte keinen richtigen Halt“.

Nach dem Krieg erhält sie die Nachricht, dass der Vater noch lebt, in Südfrankreich. Aron reist im Januar 1950 zu ihm – er erzählt ihr vom Glück, das sie und ihre Mutter letztlich hatten. Denn die Familie des Vaters wurde verschleppt und in Auschwitz ermordet, sein Überleben war ein Zufall. In Paris geht Aron zur Schule – einer ihrer Mitschüler ist Heinrich Böll – und taucht in den nächsten Jahren ins Künstlermilieu der Stadt ein. Sie lernt den Dichter Julio Cortázar kennen, in Arons Augen „eine Pygmalion-Geschichte“ – Cortázar drückt ihr irgendwann eine Liste mit 50 Büchern in die Hand, die sie lesen müsse, damit man sich auch mal substanziell unterhalten könne. Aron hat, auch unabhängig davon, „ihre Zweifel, was die Liebe angeht“, wie sie sagt, „ich habe nicht mehr dran geglaubt“ – nicht zuletzt aufgrund der kollabierten Ehe der Eltern.

Ironisch, dass sie später, Anfang der 1970er Jahre, Cortázar, der ihre Bildung als ausbaufähig empfand, ins Deutsche übersetzt. Zur Übersetzung überhaupt kommt Aron eher durch Zufall und die Ermunterung der deutsch-französischen Künstlerin Ré Soupault. Ab den 1980ern veröffentlicht sie eigene Erzählungen, aus denen sie in der Doku auch liest: vor allem Erinnerungen an die Heimat Homburg (die Aron „Homburch“ ausspricht), die Regisseur Boris Penth mit historischen Motiven, Naturbildern und alten Zeitungsausschnitten illustriert. So entsteht auch in der gerafften Version des Films das eindrucksvolle Bild einer bewegten Zeit und einer bewegten Biografie. Wenn einer der Sätze, die Edith Aron im Film sagt, ihr Wesen am treffendsten charakterisiert, ist es wohl dieser: „Ich war immer wissbegierig.“

Sonntag, 18.45 Uhr, im SR Fernsehen. Die längere Fassung des Films ist als DVD bei der Produktionsfirma Carpe Diem erhältlich. Kontakt unter:
www.carpediem-filmproduktion.de