Literaturfestival „erLesen“ War die Arbeit für eine Versicherung Inspiration für Franz Kafkas Literatur?

Saarbrücken · Alena Wagnerová hielt in Saarbrücken einen Vortrag über die Zusammenhänge zwischen dem literarischen Schaffen des Schriftstellers und seiner Tätigkeit bei der Prager Unfallversicherung.

Alena Wagnerová (links) bei ihrem Vortrag in Saarbrücken.

Alena Wagnerová (links) bei ihrem Vortrag in Saarbrücken.

Foto: Kerstin Krämer

Wenn man ihr zuhört, könnte man meinen, sie habe Franz Kafkas Vater Herrmann persönlich gekannt und regelmäßig in dessen Galanteriewarenladen eingekauft: Alena Wagnerová geht mit so viel Herzblut in der Materie auf und erzählt so beseelt, dass Geschichte lebendig wird.

Vor allem, als sie am Dienstag gegen Ende ihres Vortrags bei ABS Bücher am Saarbrücker Rotenbühl alle Manuskripte beiseitelegt und frei spricht, wird deutlich, welchen Stellenwert Franz Kafka für sie und ihre Heimat Tschechien hat: Unentwegt betonte sie die „Menschlichkeit“ des Schriftstellers, dessen Todestag sich in diesem Jahr zum 100. Mal jährt.

„Kafka und die Prager Unfallversicherung“

„Für uns junge Menschen waren Kafka und seine Bücher sehr wichtig“, sagte Wagnerová; die Kafka-Konferenz von 1963 sei als ein Zeichen der Demokratie und Vorbote des Prager Frühlings empfunden worden. Wer wollte ihr angesichts von so viel Emotionalität verübeln, dass es ihrem Referat über „Kafka und die Prager Unfallversicherung“ im Rahmen des Literaturfestivals „erLesen“ etwas an Stringenz fehlte – die Kernbotschaft vermittelte sie: Wer glaubt, dass der promovierte Jurist Kafka seine Tätigkeit als Versicherungsangestellter nur als schnöden Broterwerb ansah, um sich finanziell abgesichert seiner eigentlichen Berufung widmen zu können, der irrt.

Vielmehr empfand Kafka große Anteilnahme und mühte sich redlich um Unfallverhütung, und das Schreiben diente ihm nicht nur als Ausgleich: Die täglichen Einblicke in das existenzielle Elend und die gefährlichen Arbeitsbedingungen beeinflussten sein literarisches Werk offenbar erheblich. Dabei verwies Wagnerová unter anderem auf die Recherchen von Klaus Hermsdorf, dem wohl wichtigsten Kafka-Forscher der DDR.

Der Andrang bei freiem Eintritt war hier so groß, dass sich das Publikum bis hinter die Kasse stapelte; sogar ein Klapptritt musste als Notsitz herhalten. Den meisten Anwesenden war die Referentin (zumal als Geschäftsführerin der Buchhandlung) wohl bekannt, allen anderen sei sie kurz vorgestellt: Alena Wagnerová, 1936 in Brünn geboren, ist eine deutsch-tschechische Publizistin, Soziologin und Autorin.

Seit 1969 lebt sie in Saarbrücken und Prag; sie arbeitet als Schriftstellerin, Übersetzerin und Herausgeberin und ist unter anderem Vorstandsmitglied der Heinrich-Böll-Stiftung Saar, Mitglied der Deutschen Gesellschaft für Soziologie der Sektion für Frauenforschung, des Zentrums für Oral History Saarbrücken-Prag und der Schriftstellervereinigung PEN Deutschland.

Arbeit für die Versicherung als Inspiration für seine Literatur?

Seit vielen Jahren forscht und publiziert Wagnerová über Kafkas Freundin Milena Jesenská und kann sich somit auch als profunde Kennerin von Kafkas Leben und Werk ausweisen. Hier ging sie auf dessen Biografie innerhalb des historischen und gesellschaftspolitischen Kontexts ein und äußerte die Vermutung, dass bereits Kafkas häufiges Alleinsein in frühkindlichem Alter, bedingt durch die Berufstätigkeit seiner Eltern, sein Oeuvre beeinflusst habe.

Von 1908 bis zu seiner krankheitsbedingten Pensionierung 1922 arbeitete Kafka bei der 1889 gegründeten Arbeiter-Unfallversicherung für das Königreich Böhmen in Prag, der mit Abstand größten von insgesamt sieben österreichischen Anstalten dieser Art. Von hier aus wurden 200.000 Unternehmer und drei Millionen Arbeiter betreut; Kafkas Aufgabe bestand vor allem darin, Betriebe in unterschiedliche Gefahrenklassen einzureihen und entsprechend gestaffelte Beiträge festzusetzen.

Das erforderte Kontrollbesuche und mündete häufig in langwierige Verhandlungen, weil die Unternehmer sich gegen die Forderungen wehrten. Oft sprachen auch von Arbeitsunfällen verstümmelte Opfer vor, um eine Unfallrente zu beantragen; gegenüber seinem Freund Max Brod äußerte Kafka sich erschüttert über die demütige Bescheidenheit der Bittsteller.

Es erscheint plausibel, dass die hier beobachtete und selbst erfahrene Ohnmacht sowie ein als undurchschaubar und willkürlich erlebter bürokratischer Apparat, sprichwörtlich geworden durch das Adjektiv „kafkaesk“, Eingang in seine Romane fanden.

Als Vorbild für den Roman „Das Schloss“ beispielsweise könnten laut Wagnerová insbesondere die Umstände in der Textilfabrik „Friedland“ gedient haben; die von Kafka als erschreckend empfundene harte Arbeit in Steinbrüchen wiederum schlug sich womöglich im Roman „Der Prozess“ nieder, dessen Hauptfigur in einem Steinbruch ermordet wird. Und die Produktion in einer Uhrenfabrik findet sich mutmaßlich in Kafkas Erzählung „Die Strafkolonie“ wieder, wo Verurteilte mittels eines seltsamen Apparats exekutiert werden. Ein erhellender Exkurs.

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