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„Das ganze System ist krank“

Hermann-Josef Mayers kümmert sich als Klinikseelsorger um Patienten und Mitarbeiter.
Hermann-Josef Mayers kümmert sich als Klinikseelsorger um Patienten und Mitarbeiter. FOTO: Dietze
Mayers:. Die Personalnot in den Krankenhäusern hat ihre Ursache in einer großen „Ökonomisierungshysterie“, glaubt der katholische Klinikseelsorger Hermann-Josef Mayers. Die überwiegende Mehrheit der Beschäftigten habe Angst, dagegen aufzubegehren. Mayers fordert ein radikales Umdenken in der Gesundheitspolitik – und geht auch mit den kirchlichen Klinikträgern hart ins Gericht. Die Fragen stellte SZ-Redakteur . Daniel Kirch

Herr Mayers, wie bewerten Sie aus Ihrer Erfahrung als Klinikseelsorger die Situation der Pflegekräfte in den Kliniken ?



Mayers: Die Situation der Pflege am Krankenbett ist katastrophal. Die Gesundheitsreformen der vergangenen 20 Jahre haben dazu geführt, dass wir heute mit Minimalbesetzung am Krankenbett pflegen. Auf dem Rücken der Schwestern und Pfleger wird ein radikales Spardiktat ausgetragen. Damit wird ein ganzer Berufsstand kaputtgemacht, physisch wie psychisch. Dauerhaft über die eigene Leistungsgrenze gehen zu müssen, kann nur krank machen. Das ganze System ist krank.

Wo fehlt es konkret?

Mayers: Wenn alte, immobile Patienten im Bett nicht mehr regelmäßig gelagert werden können, weil niemand mehr da ist, der es macht, dann nimmt man damit eine Schädigung des Patienten in Kauf. Wenn demente Patienten stundenlang im Pflegestuhl auf dem Flur sitzen müssen, weil sie nicht anders beaufsichtigt werden können, dann ist das beschämend. Wenn nötige Infusionen nicht laufen, weil niemand mehr da ist, der sie anhängen kann, dann ist das eine Gefährdung des Patientenwohls. Wenn niemand von der Pflege mehr Zeit hat, einen sterbenden Patienten zu begleiten, dann sterben viele alleine. Wenn Pflegende keine geordnete Freizeit mehr haben und ständig aus "dem Frei" gerufen werden, leiden die notwendige Regeneration und das Familienleben.

Was ist aus Ihrer Sicht die Ursache dieser Fehlentwicklungen?

Mayers: Die Gesundheitsreformen der letzten 20 Jahre sind nicht vom Himmel gefallen. Sie sind das Ergebnis einer Ökonomisierungshysterie, mit der man das Gesundheitswesen reformieren wollte, allein zu dem Zweck, Geld einsparen zu wollen. Man kann nicht in dieser Gesundheitswirtschaft arbeiten wie in einer Fabrik. Der Patient ist kein Werkstück, das man bearbeiten und in die Ecke stellen kann. Und die Schwestern und Pfleger sind keine Roboter. Wer aber wie ein Roboter arbeiten soll, macht Fehler.

Wie könnte eine Lösung dieser Probleme aussehen?

Mayers: Die Diskussion der letzten Jahre hat gezeigt, dass kein politischer Wille zu einem Umsteuern vorhanden ist. Die gesetzlich festgelegte Personalbemessung und die dazu notwendige zusätzliche Finanzierung scheint mir die beste Lösung zu sein. Es gibt bislang aber keine politischen Konzepte in Deutschland, wie dem Personalabbau in der Pflege in den Krankenhäusern wirksam entgegengesteuert werden kann. Wir brauchen eine breite gesellschaftliche Diskussion darüber, was uns unsere Gesundheit wert ist und was wir bereit sind, dafür auszugeben.

Im Saarland hat das Sozialministerium gerade einen Pflegepakt für bessere Arbeitsbedingungen ins Leben gerufen.

Mayers: Der Pflegepakt macht neue Themenfelder auf wie die generalistische Ausbildung von Alten-, Kranken- und Kinderkrankenpflege oder die Etablierung einer Pflegekammer. Man könnte sagen: Das Haus brennt lichterloh und die Feuerwehrleute streiten über die Ausbildung der Feuerwehranwärter oder die Gründung eines Berufsverbandes. Diese Diskussionen bringen uns für eine verbesserte Pflege am Bett kurzfristig gar nichts, wenn nicht mehr Geld in die Hand genommen wird.

Wenn die Missstände wirklich so groß sind, wie Sie sagen, warum ist dann der Widerstand unter den tausenden Pflegekräften an den Kliniken im Saarland nicht viel stärker?

Einige wenige trauen sich, die Probleme offen beim Namen zu nennen. Die überwiegende Mehrheit hat Angst aufzubegehren. Der Druck, der ihnen von allen Seiten entgegenschlägt, ist viel zu groß. Viele wählen die Flucht in die innere Emigration und schweigen. Viele werden krank in diesem System, viele wählen den Weg der Teilzeitarbeit. Eine Berufsgruppe, die gelernt hat, für andere da zu sein, hat es verlernt, für sich selbst einzustehen.

Die Gewerkschaft Verdi artikuliert die Unzufriedenheit der Beschäftigten vor allem an den Kliniken der Kommunen und der Knappschaft. Wie stellt sich die Situation bei den kirchlichen Krankenhäusern dar?

Bislang habe ich keine einzige öffentliche Stellungnahme der kirchlichen Mitarbeitervertretungen gelesen, die die Missstände offen beim Namen nennt. Sie schweigen. Bei den kirchlichen Trägern braucht es eine neue Grundsatzdiskussion über den "dritten Weg", der diese menschenunwürdigen Arbeitsbedingungen nicht verhindert hat. Die Kirchenleitungen haben die Probleme bislang völlig ignoriert, gemäß dem Motto: Es kann nicht sein, was nicht sein darf!

Zum Thema:

Zur Person Hermann-Josef Mayers (57) ist Diplom-Theologe und Pastoralreferent. Er arbeitet seit 14 Jahren als Klinikseelsorger in Saarbrücken, und zwar am Caritas-Klinikum, am Evangelischen Krankenhaus und am Paul-Marien-Hospiz. Seit zehn Jahren ist Mayers zudem Sprecher der katholischen Klinikseelsorgerinnen und -seelsorger im Saarland. In der Konferenz der katholischen Klinikseelsorger sind die Ökonomisierung des Krankenhausbetriebs und die Auswirkungen auf die Mitarbeiter nach Mayers' Worten bereits seit Jahren das beherrschende Thema. Die Klinikseelsorger hätten daher auch mehrheitlich den von Gewerkschaftern und Arbeitskammer initiierten "Saarbrücker Appell" für mehr Pflegepersonal unterschrieben. kir