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Ausstellung
Wie Obdachlose zu Künstlern werden

Annette Orlinski
Annette Orlinski FOTO: BeckerBredel
Saarbrücken. Im Garten der Johanneskirche ist ab heute eine neue Ausstellung zu sehen. Menschen ohne Wohnung präsentieren ihre Werke. Von Kerstin Krämer

Wie kommt das Ding auf den Baum? Das Problem lockt Schaulustige und ehrenamtliche Helfer an. Alle stehen im Garten der Johanneskirche um Jan Kessens herum, der auf einer Leiter thront und versucht, eine große, silbern folierte Spritze, gefertigt aus Rohren und Holz, mit einem Seil nach oben zu ziehen: Wie ein wuchtiges Pendel soll sie von einem Ast herunterbaumeln. Die Spritze steht symbolisch für medizinische Versorgung, und sie ist eins von neun Objekten der Ausstellung „unGESEHENunGEHÖRT“, die am heutigen Mittwoch eröffnet wird. Dabei handelt es sich um ein kunsttherapeutisches Projekt der Wohnungslosenhilfe der Diakonie Saar in Kooperation mit der Evangelischen Kirchengemeinde St. Johann: Menschen, die sonst am Rande der Gesellschaft stehen, haben hier die Möglichkeit, sich als Künstler zu erleben und zu präsentieren.


Begleitet wird diese Chance, verborgene Talente zu entdecken und neue Perspektiven zu entwickeln, von Sozialarbeitern der Diakonie. Künstlerisch wird sie von Annette Orlinski betreut: Die 42-jährige Kommunikationsdesignerin ist freischaffende Künstlerin und hat Erfahrung darin, das kreative Potenzial von Laien auszuloten und sie zu ermutigen. Orlinski arbeitet mit Kindern und Erwachsenen, darunter auch Todgeweihte und schwerst geistig oder körperlich Behinderte, kurz: Menschen von KiTa bis Hospiz.

Die Ausstellung thematisiert Grundbedürfnisse eines menschenwürdigen Daseins. Die Ausgangsüberlegung beschreibt Orlinski so: „Was braucht ein Mensch? Auch wenn er auf der Straße lebt?“ Ihre Idee, etwas mit alten Möbeln zu machen, wurde von den insgesamt fünf Teilnehmern begeistert aufgenommen, und es kristallisierten sich folgende Themenbereiche als essentiell heraus: Essen und Trinken, Kleidung, Wohnen, Mobilität und Gesundheitsvorsorge. Gearbeitet wurde im Juli und August jeden Donnerstag und Freitag von 10 bis 14 Uhr, zunächst im Garelly-Haus in der Eisenbahnstraße und anschließend in Orlinskis eigenem Atelier „Kokon“.



Die Materialien, wie Holz, Rohre, ausrangierte Lattenroste oder Fahrräder, wurden von der „Neuen Arbeit Saar“ zur Verfügung gestellt. Diese gleichfalls diakonische Einrichtung übernahm auch den Transport der Objekte in den Garten der Johanneskirche. Der zentral gelegene Platz wird von Obdachlosen und anderen sozialen Randgruppen frequentiert und bot sich daher als idealer Präsentationsort für die Ausstellung an.

Aufgebaut wurde ab Montag, und da tummelten sich vor Ort mehr Sozialarbeiter als Künstler. Neben Kessens war Tina Ruppenthal zugange, die wegen ihres organisatorischen Talents von Orlinski inoffiziell zu ihrer Assistentin befördert wurde. Wie die anderen Teilnehmer hat auch sie sich eine fiktive Situation ausgedacht für ihr Objekt, bei dem 120 Kilo Beton und über 100 Kronkorken verarbeitet wurden. Eine einbetonierte Bluse und Jeans sind Platzhalter für ein Paar, das sich bei Tisch streitet – sie wirft ihm seinen Alkoholkonsum vor; er ihr, dass sie zu viel isst. Ruppenthal ist zwar weder obdachlos noch von Wohnungslosigkeit bedroht, rutschte aber nach dem Tod ihrer Mutter in eine Depression und fand bei der Diakonie Trost und Hilfe. „Mir hat die Teilnahme an diesem Projekt wieder Selbstbewusstsein gegeben und mich motiviert“, sagt die 35-Jährige. „Und ich habe dabei meine Berührungsängste gegenüber Obdachlosen verloren.“ Orlinski, voll des Lobes über die Disziplin ihrer Künstler, profitierte ebenfalls: „Warum landet jemand auf der Straße? Ich habe hier einen anderen Blickwinkel erlebt und ungewöhnliche Lebensgeschichten gehört.“

Die Vernissage ist heute, Mittwoch, 19. September, um 17 Uhr im Garten der Saarbrücker Johanneskirche. Die Ausstellung läuft bis zum 21. Oktober. Sie ist von montags bis freitags von 9 bis 19 Uhr geöffnet.