Wohnen vor dem Knast

Ottweiler. Das karge Zimmer mit Holzmöbel erinnert an die Ausstattung einer Jugendherberge. Der Blick durch das unvergitterte Fenster präsentiert das riesige Areal der Justizvollzugsanstalt (JVA) Ottweiler, umgeben von hohen Metallzäunen und Mauern mit Stacheldrahtkronen

Ottweiler. Das karge Zimmer mit Holzmöbel erinnert an die Ausstattung einer Jugendherberge. Der Blick durch das unvergitterte Fenster präsentiert das riesige Areal der Justizvollzugsanstalt (JVA) Ottweiler, umgeben von hohen Metallzäunen und Mauern mit Stacheldrahtkronen. Die Metalltür mit den großen Schlössern erinnert daran, dass das heute teilmöblierte Zimmer mit eigenem Bad in dem frisch renovierten Gebäude vor der JVA einmal eine Haftzelle vor. Im früheren Freigängerhaus vor den Knasttoren auf dem Ottweiler Ziegelberg sind jetzt fünf Wohnungen eingerichtet. Sie werden für 120 Euro im Monat von der JVA an entlassene Gefangene vermietet. Verpflegen und versorgen müssen sich die Ex-Häftlinge selbst. Eine Küche kann genutzt werden. Waschmaschine und Trockner stehen im Keller zur Verfügung. Seit dem 1. September wohnt der erste Ex-Gefangene als Mieter hier. Maximal sechs Monate soll er in dieser Übergangswohnung bleiben, sich an das Leben in Freiheit gewöhnen. Das seit dem 1. Januar 2008 geltende Jugendstrafvollzugsgesetz sieht ausdrücklich die so genannte Nachsorge für Gefangene vor. Dazu gehört auch, dass bei Bedarf eine kleine Übergangswohnung angeboten wird. Ex-Häftling und JVA schließen dann neben dem Mietvertrag auch eine Vereinbarung über die Nachsorge. "Früher endete unsere Zuständigkeit am Tor der Anstalt", sagt Ingeborg Casper, Diplom-Psychologin und Nachsorge-Koordinatorin in Ottweiler. Mit zwei Sozialpädagogen betreut sie die Ex-Gefangenen bis zu sechs Monate in Freiheit. Zu der jetzt erstmals vermieteten Unterkunft sagt sie: "Das ist kein betreutes Wohnen." Die Bewohner müssen Selbstständigkeit beweisen. Erziehung und Resozialisierung der Jugendlichen hat absolute Priorität in Ottweiler. Bildung und Ausbildung kommen an erster Stelle, Bestrafung ist sekundär. Manfred Kost, Leiter der Abteilung Justiz- und Maßregelvollzug im Justizministerium, war über Jahre Chef der JVA Ottweiler. Er sagt: "Wir machen hier aber keine Kuschelpädagogik. Ohne Sanktionen geht es nicht." Hinter Gittern gelten strenge Regeln. JVA-Leiter Pascal Jenal hat derzeit die Verantwortung für 80 erwachsene Gefangene und 120 Jugendliche im Alter zwischen 14 und 23 Jahren. Die durchschnittliche Inhaftierungszeit der jungen Häftlinge liegt bei zweieinhalb Jahren. Sie können in dieser Zeit Schulabschlüsse meistern oder Handwerksberufe erlernen. Etwa sechs Monate vor dem Entlassungstermin nimmt Ingeborg Casper mit ihrem Team Kontakt zu den Gefangenen auf. Gemeinsam wird draußen ein Job gesucht oder eine eventuelle Drogentherapie vorbereitet. Betreuer begleiten die Häftlinge zu Vorstellungsgesprächen und bei Behördengängen. Die Rückkehr in die Familie oder die Wohnungssuche wird unterstützt. Das Nachsorgeteam leistet Hilfe zur Selbsthilfe, wenn in der Freiheit Probleme drücken. Etwa 80 Jugendliche wurden seit Januar 2008 betreut. Bislang ist nur von einem Ex-Häftling bekannt, dass er rückfällig wurde. Ob es mehr sind, ist derzeit noch nicht klar. Die Betreuer in Ottweiler drücken jetzt dem ersten Bewohner in der knasteigenen Übergangswohnung die Daumen, dass er den Sprung ins straffreie Leben schafft. Meinung

Eine echte zweite Chance

Von SZ-RedakteurMichael Jungmann Jugendliche Strafgefangene sind die Sorgenkinder der Justiz. Gelingt nach der Haft mit Aus- und Weiterbildung als wichtigster Säule die Wiedereingliederung in das normale Leben nicht, ist in der Regel eine steile Knastkarriere auf Kosten der Sicherheit und des Steuerzahlers vorgezeichnet. Das Jugendstrafvollzugsgesetz setzt darauf, straffällig gewordenen jungen Leuten eine echte zweite Chance zu bieten. Dazu gehört neben dem Erziehungsgedanken und dem Ausbildungsangebot hinter Gittern auch die professionelle Begleitung zurück in die Freiheit. Das Nachsorgeteam in Ottweiler ist auf dem richtigen Weg, leistet Hilfe zur Selbsthilfe, auch mit den befristeten Übergangswohnungen vor den Knasttoren. Wenn nur ein Jugendlicher auf diese Art vor einer Zukunft in Kriminalität bewahrt wird, hat sich der sicher kostspielige Aufwand bereits gelohnt.

Mehr von Saarbrücker Zeitung