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Gipsabbau
Grubenpferd „Pöddi“ rettet beim Gipsabbau Leben

Dem Verfall preisgegeben: das Gebäude der früheren Gipsmühle Dörrmühle zwischen Mechern und Mondorf. Anfang der 80er Jahre wurden die Gebäude abgerissen.
Dem Verfall preisgegeben: das Gebäude der früheren Gipsmühle Dörrmühle zwischen Mechern und Mondorf. Anfang der 80er Jahre wurden die Gebäude abgerissen. FOTO: Stefan Siebenborn
Merzig. Die Firma Knauf prüft, ob es sich lohnt, wieder Gips abzubauen. Die Geschichte der Gipsgrube Mechern, besser bekannt als „Gipskaul“, kann in drei Zeitabschnitte eingeordnet werden. Die erste Abbauphase beginnt Ende 1897 und endet kurz vor dem 1. Weltkrieg. 1919 wird zum zweiten Mal der Betrieb für kaum fünf Jahre aufgenommen. Zwischen 1924 und 1936 ruht der Abbau. Im Herbst 1935 übernehmen die Gebr. Knauf den Betrieb. Erst mit der vollständigen Ausbeutung der Gipslager kommt im Frühjahr 1955 die endgültige Stilllegung der Gipsgrube „Auf Kappen“. Teil 4 unserer Serie: der  Abbau ab 1935. Von Stefan Siebenborn



Am 23. Oktober 1935 legt die Fa. Knauf dem Bergamt in Saarbrücken den Lebenslauf, Zeugnisse, und polizeiliches Führungszeugnis ihres Vorarbeiters Johann Dollwet sowie der Bergleute Johann Naumann aus Mondorf, Michel Scheer aus Faha, Heinrich Magard aus Rehlingen, Johann Lamest aus Silwingen und Franz Schneider aus Büschdorf zur Erlangung der Schießberechtigung vor.

Anfang Dezember folgen die restlichen vom Bergamt geforderten Unterlagen:

1.: Ausführlicher Betriebsplan

2: Lageplan des Betriebes und der projektierten Übertageanlagen

3.:Lebenslauf des Betriebsführers

4.: Polizeiliches Führungszeugnis desselben

5.: Abbild des Diplomes als Diplomingenieur des Betriebsführers

6.: Genehmigungsantrag für das Sprengstofflager

7.: Zeichnung des Sprengstofflagers

Der Firmensitz wird 1935 von Perl nach Merzig in die Saarbrücker Allee 5 verlegt. Die Büroräume befinden sich im ehemaligen Hotel Otto, dem späteren Verwaltungsgebäude der Merziger Süßmost am Bahnhof Merzig. Die Löhne werden in bar an der Grube ausgezahlt. So macht sich dann auch einige Male der junge Hilbringer Egon Schuhler von der Firmenzentrale mit dem Fahrrad und den Tütchen in der Aktentasche auf den Weg nach Mechern.

Nach dem Vorarbeiter Johann Dollwet gilt das Grubenpferd als bestbezahlter Arbeiter der Gipsgrube, bleibt es doch ständig im Stollen und erhält seinen Lohn auch für arbeitsfreie Tage wie Sonn- und Feiertage und sogar noch eine Rente wie mehrere Quellen glaubhaft versicherten. Tatsache ist, dass vor dem zweiten Weltkrieg neben Johann Dollwet auch mehrere Mecherner Bauern wie Peter Dollwet, Peter Zenner und Jakob Zenner das Grubenpferd mit Knecht oder Mecherner Jungen wie Theo Siebenborn stellen, wenn Dollwets Pferd in der Landwirtschaft gebraucht wird.

Während des Krieges beschafft die Firma Knauf ein Grubenpferd, dass Kost und Logis bei Johann Dollwet erhält. Nach dem Krieg bringt Johann Dollwet täglich sein eigenes Pferd „Pöddi“ mit in die Grube. Dieses Pferd scheint etwas ganz besonderes zu sein. Mindestens 20 Mal hat es den Männern untertage das Leben gerettet. Jedesmal wenn das Pferd im Stollen unruhig wird und in Richtung Ausgang durchgeht, rennen die Bergleute sofort hinterher. Das feine Gehör des Pferdes bemerkt lange vorher den drohenden Einsturz des Abbaus. Werden ihm im Stollen mehr als acht beladene Loren angehängt, was durch das Klappern der Kupplungen hörbar ist, verweigert es den Dienst.

Nach der Rückgliederung des Saargebietes an das Deutsche Reich ist den neuen Machthabern sehr daran gelegen, die bisherigen wirtschaftlichen Verbindungen nach Frankreich soweit wie möglich zu kappen. Vor der Rückgliederung lieferten die französischen Gipsfabriken Lothringens jährlich zwischen 400 000 und 600 000 Zentner Gips nach Deutschland. So kann unter anderem durch die neuerschlossene Mecherner Gipsgrube und das Gipswerk in Siersburg der Gipsbedarf des Saargebietes gedeckt werden, was bisher das Perler Werk leisten musste.

Da dieses Werk durch seine Lage an der Eisenbahnstrecke Trier-Thionville und an der Mosel sehr verkehrs- und frachtgünstig gelegen ist, „wird es möglich sein …aufnahmefähige ausländische Märkte intensiver zu bearbeiten, um Devisen hereinzubekommen“ (Merziger Volkszeiutung vom 25. Sept. 1935). Die erste Gipslieferung der Gipsgrube Schengen im Jahre 1932 erhielt das Zementwerk der Gutehoffnungshütte in Oberhausen mit dem 355 Tonnen Moselschiff „Susanna“.