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Sammelklage in Frankreich
Eine Lothringerin kämpft gegen Bayer

Marielle Klein aus Spichern ist die Vorsitzende des Hilfevereins Resist, der in Frankreich gegen den deutschen Konzern Bayer klagt.
Marielle Klein aus Spichern ist die Vorsitzende des Hilfevereins Resist, der in Frankreich gegen den deutschen Konzern Bayer klagt. FOTO: Hélène Maillasson
Spichern. Marielle Klein aus Spichern hat eine Sammelklage gegen den Pharma-Riesen initiiert. Es geht um Nebenwirkungen eines Verhütungsmittels. Von Hélène Maillasson
Hélène Maillasson

An diesen Tag wird sich Marielle Klein ihr ganzes Leben lang erinnern. Am 4. Januar 2016 wacht die Lothringerin in Straßburg nach einer Operation auf und die Muskelschmerzen sind weg. Auch das extreme Herzflattern spürt sie nicht mehr. „Zuerst habe ich gedacht, dass es nur die Auswirkungen der Narkose waren. Doch diese Beschwerden kamen seitdem nie wieder“, erzählt sie. Andere blieben zwar bis heute, doch alles in allem betrachtet sich Klein als „eine, die Glück im Unglück hatte“. Bei dem Eingriff vor zweieinhalb Jahren wurde ihr die Gebärmutter entfernt. Nicht weil sie an Krebs litt. Sondern weil es der einzige Weg war, die Implantate loszuwerden, die ihr fünf Jahre zuvor in die Eileiter eingesetzt worden waren.


„Essure“ heißt das System, das ihr eingesetzt wurde. Es dient der dauer­haften Verhütung. Entwickelt und vertrieben wird es vom deutschen Pharma-Riesen Bayer. Dieses Produkt besteht aus zwei Metallspiralen, die die Eileiter versperren, sodass Spermien die Eizelle nicht erreichen können. Langfristig führt dies zur Sterilität. „Eine einfache und endgültige Verhütungsmethode, für die kein chirurgischer Eingriff notwendig ist und die sich ganz normal bei einem Termin vom Frauenarzt einsetzen lässt“, so habe ihre Ärztin ihr „Essure“ damals vorgestellt, sagt Marielle Klein, die nach der Geburt ihres fünften Kindes den Wunsch nach einer Sterilisation äußerte.

„Ich habe es geglaubt. Das war der größte Fehler meines Lebens, und ich will nicht, dass andere Frauen ihn auch machen“, sagt die 40-Jährige. Um etwas zu bewegen, gründete sie den Opferhilfeverein Resist und wagte sich an eine Herkules-Aufgabe: eine Sammelklage gegen Bayer – den Weltkonzern aus Leverkusen, gegen den zurzeit auch in den USA tausende Bürger klagen – wegen des umstrittenen Unkrautmittels Glyphosat der neuen Bayer-Tochter Monsanto.



Seit 2014 ist es für französische Verbraucher möglich, eine Sammelklage zu erheben, seit 2016 gilt es auch für den medizinischen Bereich. Einfach ist der juristische Weg nicht, doch die Frau aus Spichern lässt sich nicht entmutigen. Dafür habe sie zu viel unter „Essure“ gelitten.

2011 lässt sich Marielle Klein die Implantate einsetzen. Zwei Jahre später beginnt ihre gesundheitliche Krise. „Ich hatte öfter Nasennebenhöhlenentzündung, war extrem müde und mir war immer wieder schwindelig. Es waren aber Phasen, kein Dauerzustand“, berichtet sie. Doch es wird immer schlimmer. 2014 kommen eine schwere Darmentzündung, Blutungen und immer häufiger Herzrasen dazu. „Ich kam aber nicht auf die Idee, dass alle diese Symptome eine gemeinsame Ursache haben könnten.“ Eine Odyssee bei Ärzten beginnt, keiner findet die Ursache. „Einer dachte, es wäre psychisch ausgelöst und hat mir Antidepressiva verschrieben“, sagt Klein. Doch die Beschwerden nehmen weiter zu.

2015 bekommt sie eine Mittelohrentzündung, die so stark ist, dass ihr Trommelfeld verletzt wird. Dann steht sie eines Tages auf und sieht auf dem rechten Auge nichts mehr. „Ich habe große Angst bekommen.“ Ihre Muskeln schmerzen immer mehr, der ganze Alltag wird beschwerlich. Auch ihr Mann ist verzweifelt. Ihre Eltern ziehen in die Nähe, um die Kinderbetreuung und den Haushalt zu übernehmen, weil sie nicht mehr dazu in der Lage ist. „Ich dachte, ich sterbe langsam aber sicher.“

Bis dahin hatte sie sich geweigert, im Internet nach Hilfe zu suchen. In den Foren zu Gesundheitsthemen lese man nur Horror-Geschichten, ihre Symptome seien zu speziell. „Doch eines Tages saß ich am Computer alleine zu Hause und dachte ‚Warum nicht? ich habe nichts zu verlieren’. Ich habe mir selbst geschworen, damit aufzuhören, wenn es mich noch verrückter macht.“ Nach einer halben Stunde wird sie fündig. In einem sozialen Netzwerk stößt sie auf eine Gruppe von Frauen aus den USA, die Beschwerden beschreiben, die den ihren sehr ähnlich sind. Eines haben alle 16 000 Gruppenmitglieder gemeinsam: Sie haben sich für ­„Essure“-Implantate entschieden.

„Es hat in meinem Kopf Klick gemacht. Als hätte sich ein Rätsel endlich gelöst. Ab dem Moment hatte ich nur noch eines im Kopf: Ich wollte die Implantate loswerden.“ Doch so einfach geht das nicht. Denn „Essure“ ist ein unumkehrbares System – es ist nicht vorgesehen, die Implantate wieder zu entfernen. Sollten die Implantate bei einem solchen Versuch beschädigt werden, könnte es schlimmer werden, sagen ihr die Ärzte. Und so bleibt ihr nur die Entfernung der Gebärmutter.

Einen Monat nach ihrer Operation startete sie eine Petition, um die Rücknahme von „Essure“ vom französischen Markt zu fordern. „Dadurch haben sich immer mehr betroffene Frauen an mich gewandt“, sagt Klein. Auch die Öffentlichkeit wurde aufmerksam, das Fernsehen war bei ihr. Und es wurde ihr geraten, gegen Bayer juristisch vorzugehen. „So einen Rechtsstreit können wir uns finanziell nicht leisten“, sagte die Frau aus Spichern. Daran sollte es nicht scheitern, antwortete ein Pariser Anwalt, der auf medizinische Fälle spezialisiert ist und sich ihres Falles annahm. Er riet, einen Opferhilfeverein zu gründen und so eine Sammelklage zu ermöglichen. Vorstrecken müssen die Klägerinnen nicht. Erst wenn das Urteil zu ihren Gunsten ausfällt, bekommt der Jurist sein Honorar aus der Schadensersatzsumme. Doch ein solches Verfahren dauert oft Jahre. Ausgang offen.

Einen ersten Sieg hatte Marielle Klein aus ihrer Sicht schon. „Essure“ wird in Frankreich nicht mehr vertrieben. Für Klein ist klar: aufgrund des öffentlichen Drucks durch ihre Kampagne. Bayer sieht das anders. „Die im März 2018 in Frankreich eingereichte Sammelklage steht in keinen Zusammenhang mit der erfolgten freiwilligen Marktrücknahme. Bereits im September 2017 hat Bayer die wirtschaftliche Entscheidung getroffen, den Verkauf und Vertrieb von ‚Essure’ in allen Ländern außer den USA einzustellen. Die Nachfrage nach ‚Essure’ war stark zurückgegangen und mit einer Trendwende war nicht zu rechnen“, teilte das Unternehmen auf Anfrage mit. Die Entscheidung sei nicht aufgrund mangelnder Sicherheit oder Qualität des Produktes getroffen worden, einzig aus wirtschaftlichen Gründen.

Das „positive Nutzen-Risiko-Profil“ des Systems, das auf mehr als zehn Jahren Forschung und Entwicklung und auf mehr als zehn Jahren am Markt basiere, „bleibt unverändert“, erklärt Bayer. Unabhängige Experten mehrerer Arzneimittelbehörden, Sicherheitsbewertungsgremien und medizinischer Organisationen hätten in jüngster Zeit die Sicherheit von „Essure“ eingehend geprüft und seien durchweg zu dem Schluss gekommen, dass die Vorteile des Systems die Risiken überwögen.

Nun ist bekannt geworden: Auch in den USA lässt Bayer den Vertrieb von „Essure“ bis Jahresende auslaufen. Auch hier seien wirtschaftliche Gründe die Ursache für den freiwilligen Rückzug. Bereits im April hatte die US-Gesundheitsbehörde FDA höhere Hürden für den Verkauf von „Essure“ aufgestellt. Ab 2019 wird das Produkt voraussichtlich nirgendwo mehr vertrieben. „Für die Frauen, die ‚Essure’ tragen, egal ob sie Nebenwirkungen spüren oder nicht, bleibt die Ungewissheit, was das Produkt mit ihnen anrichten wird – oder auch nicht“, sagt Marielle Klein. Laut FDA wurden die „Essure“-Implantate bei rund 750 000 Frauen weltweit eingesetzt. In Deutschland wurden sie nie vertrieben. Laut Bayer „aus strategischen Gründen und mit dem Fokus auf bereits eingeführte Produkte“.