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Kolumne
Schöne Grüße aus der Fake-Toskana

FOTO: SZ / Robby Lorenz
Vorsicht bei Fotos. Sie zeigen das eine und erzählen das andere. Denn sie spielen mit der Fantasie. Das nutzen Schlawiner gern mal für ihre Zwecke aus – das funktioniert ganz einfach. Von Alexander Manderscheid

Facebook schürt Neid, das behaupten sogar Psychologen und sicher auch solche, die selbst darunter leiden. Ganz von der Hand zu weisen ist es nicht. Was die Nutzer alles so erleben, während du selbst vor dem Computer hockst. Besonders fies sind diese lässigen Urlaubsfotos. Aber es soll ihnen gegönnt sein. Und wer weiß, ob alles auch so ist, wie es scheint.


Vor einer Weile habe ich in Saarbrücken irgendwo hoch oben das Graffito „ANC“ gesehen. Das ist wohl das Kürzel eines Sprayers von hier, der es auf das Dach geschafft hatte. ANC ist aber auch die Abkürzung für den African National Congress, der eine entscheidende Rolle im Kampf gegen die Apartheit in Südafrika gespielt hatte. Ich habe die Wand mit einem Stück Himmel fotografiert, statt „Saarbrücken beim Kaufhof“ „Johannesburg“ drüber geschrieben und auf Facebook gepostet. Sollte so rüberkommen, als wäre ich dort. Immerhin: Aufgeflogen bin ich nicht. Für das Bild gab es ein paar müde Likes, ein Freund sagte später, ich sei ein Angeber.

Auf meinen nächsten Versuch reagierte er nicht, dafür aber andere: Diesen Sommer stand ich irgendwo auf Sandboden, dürre Pflanzen um mich herum kämpften ums Überleben. Im Hintergrund war zwar Nadelwald zu sehen, aber das würde schon funktionieren. Foto geschossen, mit einem Filter über dem Bild grelles Licht imitiert und die Fichten im Hintergrund unscharf gestellt. „Chihuahua, 20 Meilen vor Juarez“ drübergeschrieben und so auf Facebook gepostet. Ich mitten in der mexikanischen Wüste. Schnell kamen die Likes und die Kommentare unter dem Bild. „Bist du gerade dort?“ Ich will ja nicht lügen, also: „Das Foto habe ich vorgestern gemacht!“ „Cool!“ Hat geklappt.



Ja, so langsam macht das Spaß. Vor ein paar Tagen bin ich auf meiner Tanken-Tour nach Luxemburg an einer Reihe Pappeln vorbeigekommen. Angehalten, fotografiert, passenden Filter ausgewählt, „Toskana“ darüber geschrieben und auf Facebook gepostet. Zack, zwei Likes nach drei Sekunden. Es sollten nicht die letzten sein. Das Bild sieht aber auch wirklich gut aus, selbst das Dorf im Hintergrund passt. „Bist du gerade dort?“ – jemand anderes, die gleiche Frage. „Gestern, ist ja nicht weit weg von xy…“ – und dann muss man nur den Namen seines Heimatortes wortwörtlich ins Italienische übersetzen, und schon klingt das Ganze international – ohne zu schwindeln. „Cool!! Viel Spaß. Erhol dich gut!“ „Danke. Muss aber heute schon wieder auf der Arbeit sein.“

Wofür unsere Gegend wohl noch so herhalten kann? Demnächst düse ich vielleicht nach Skandinavien. Das geht bestimmt. Der Hochwald ist ja nicht weit.

Toskana? Von wegen. Das Bild zeigt eine Impression aus Contz les Bains in der Nähe von Perl.
Toskana? Von wegen. Das Bild zeigt eine Impression aus Contz les Bains in der Nähe von Perl.