„Wir sind keine Totengräber“

Hermann Josef Hiery aus Ensdorf leitet seit fast 50 Jahren verschiedene Chöre und stand lange Jahre an der Spitze des Saarländischen Chorverbandes. Hiery hält das Chorsterben im Saarland für unaufhaltsam. Ein Gespräch mit SZ-Redakteurin Christine Kloth.

Herr Hiery, die Chorverbands-Präsidentin hat vor Kurzem Sie und Ihre Chorleiter-Kollegen davor gewarnt, wegen mangelnder Nachwuchs-Arbeit zu den Totengräbern mancher Vereine im Saarland zu werden. Ist da was dran?

Hiery: Nein. Wir sind keine Totengräber und haben auch nicht vor, es zu sein. Im Gegenteil, wir sind die Stimulatoren dieser Vereine. Es ist auch nicht angemessen, den Chorleitern die alleinige Verantwortung zuschieben zu wollen. Wir leiden alle unter der Entwicklung des demographischen Wandels. Wir kämpfen um jede Sängerin und um jeden Sänger , aber das Alter mit Krankheit und Tod arbeitet gegen uns.

Also befinden die Chorleiter sich nicht in einer Starre der Ratlosigkeit, wie Frau Hurth sagt?

Hiery: Diese Starre der Ratlosigkeit betrifft wohl eher die Spitze des Chorverbandes und nicht die Akteure an der Basis. Wir sind uns der Misere schon sehr lange wohl bewusst. Die Chorleiter , die ich kenne, zerreißen sich für ihre Chöre und versuchen, gute und gangbare Wege für die Zukunft zu finden. Wo bleiben aber die Lösungsvorschläge vom Chorverband, wie wir Chorleiter uns mit den Jugendlichen, ihren Lebenswelten und -erfahrungen, vor allem mit ihren Kommunikationsstilen und Verhaltensmechanismen, ernsthaft auseinandersetzen sollen?

Ist die Kluft zwischen den Generationen denn so groß, dass sie gemeinsamen Gesang unmöglich macht?

Hiery: Ja, sie ist aus meiner Sicht unüberbrückbar und das zeigt ja auch die Tatsache, dass kein 20-Jähriger, der in einer Wohngemeinschaft lebt, sich einem Männergesangsverein anschließt, dessen Altersschnitt bei 70 plus liegt. Junge Menschen wollen möglichst mit Gleichaltrigen singen.

Was genau ist unüberbrückbar?

Hiery: Die Welt der Erwachsenen ist der Jugend in vielem unverständlich. Andererseits fehlt es den Erwachsenen oft an Einfühlungsvermögen. Es gibt drei Bedürfnisse, die junge Menschen in ihrer Freizeit erfüllt sehen wollen: Es muss Spaß machen, sie wollen schnell Ergebnisse sehen und wollen sich nicht langfristig binden, also eher projektorientiert arbeiten. Darum können sie sich nicht anfreunden mit den herkömmlichen - natürlich oft auch festgefahrenen - und verbindlichen Vereinsstrukturen.

Und dann kommt im Fernsehen noch "Deutschland sucht den Superstar" und zeigt Ihnen und den Jungen, wie "es richtig geht". . .

Hiery: Ja, eine Perversion, bei der den Zuschauern vorgeführt wird, wie peinlich und beschämend Singen in der Öffentlichkeit sein kann. Dazu kommt, dass man in den Medien fast nur noch Sängerinnen und Sänger erlebt, die ihren Erfolg aufwendiger Bühnentechnik verdanken - Singen als Alltagskultur wird dadurch ad absurdum geführt. Und: Wir leben in Zeiten einer nicht zu überbietenden Gesangsbeglückung, das heißt, die Zahl der kulturellen Veranstaltungen auf regionaler Ebene ist kaum überschaubar. Da ist es schwer, im Laienbereich noch mitzuhalten.

Das Chorsterben im Saarland wird also Ihrer Meinung nach unaufhaltsam sein?

Hiery: In der Breite ja, es gibt kein Patentrezept dagegen. Wer etwas anderes behauptet, ist ein Scharlatan. Im Einzelnen kann natürlich jede Chorgemeinschaft vor dem Hintergrund ihrer Tradition, Struktur und Möglichkeiten selbst individuelle Lösungen finden, um ihren Verein am Leben zu erhalten. Dennoch prognostiziere ich, dass es bei den Männerchören in ein paar Jahren darauf hinauslaufen wird, dass es im Saarland nur noch eine überschaubare Zahl geben wird, die auf hohem Niveau und in regionalen Zusammenschlüssen singen. Aber gesungen werden wird immer. Gott sei Dank! Nur eben in anderen Formationen.

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