Nazis als Dandys von heute

Martin Amis wusste schon immer anzuecken: Nun legt er mit „Interessengebiet“ eine romanhafte Holocaust-Satire vor – und eine kaltblütige Auseinandersetzung mit der Banalität des Bösen.

Im Gegensatz zu ihren deutschen Kollegen haben angelsächsische Künstler wenig Skrupel, die komischen Seiten des Nationalsozialismus für derbe Satiren auszuschlachten. Schon Monty Python machte sich gern über Hitler und Eva Braun lustig, in Quentin Tarantinos "Inglourious Basterds" trat ein SS-Mann als makabrer Witzbold auf, in Jonathan Littells "Die Wohlgesinnten" als gutgelaunter Pornograph des Todes. Auch Martin Amis ist notorisch fasziniert von allem, was als dekadent, moralisch verpönt und böse gilt. Mit Skandalromanen, provozierenden Auftritten und zahlreichen Affären hat er sich den Ruf eines literarischen Enfant terrible erworben. Nun nähert er sich nach "Pfeil der Zeit" (1993) erneut dem heikelsten aller heiklen Themen: Leben und Sterben im "Kat Zet", erzählt aus der Täterperspektive.

Das Thema ist ernst, die Form frivol: "Interessengebiet" ist eine makabre schwarze Komödie , Geschichtsschreibung an der Grenze zwischen Ironie und Zynismus. Es gibt jede Menge englischen Humor und Esprit, giftigen Sarkasmus und seriöse Gedanken, aber auch Nazi-Kitsch und das, was Amis und viele Briten offenbar für "Realsexualpolitik" halten: Blonde Arier in kurzen braunen Hosen, Frauen mit gebärfreudigen Becken und drallem Dirndl, eine bärbeißige KZ-Aufseherin.

Im Nachwort bemerkt Amis keck, Autoren wie Paul Celan oder Primo Levi hätten ihm den Druck des Erklärenmüssens genommen und die literarische Freiheit zurückgegeben. Kurzum: Wenn aber der Holocaust unbegreiflich ist, darf und kann man über den Nullpunkt der Humanität so gut oder schlecht wie über jeden anderen Gegenstand schreiben; es gebe dann weder Tabus noch Erklärungen.

Man ist daher auf Naziklamauk der übleren Sorte gefasst; sowohl Amis‘ französischer Verlag Gallimard wie auch Hanser hatten den Roman leicht angewidert abgelehnt. Aber dann erlebt man eine Überraschung: "Interessengebiet" ist eine überwiegend intelligent und kaltblütig erzählte Auseinandersetzung mit der Banalität des Bösen. Amis' bester Roman seit langem ist nicht frei von Geschmacklosigkeiten, aber im Ganzen erstaunlich ernsthaft, klug, sprachlich brillant. Gestützt auf die einschlägige neuere Literatur von Ian Kershaw bis Christopher Browning beschreibt er eindringlich, wie Menschen zu Bestien werden, aber auch, wie die Vernichtungsmaschinerie von Au schwitz ins Stammeln gerät, Störfaktoren produziert, die das System in Selbstzerstörung treiben. Höchste Rationalität bei der industriellen Organisation des Tötens und archaische Grausamkeit gehören zusammen; Ingenieure und Bürokraten, die sich nie die Hände schmutzig machen, sind noch schrecklicher als Männer wie Paul Doll, der nach dem Vorbild von Rudolf Höss entworfene Lagerkommandant. Der Holocaust ist bei Amis eine exakt geplante, chaotisch ausufernde, barbarische "Walpurgisnacht".

Schon wahr, Amis' Nazis reden oft wie flapsig eloquente Dandys von hier und heute. Aber gerade diese kleinen Ungleichzeitigkeiten, Brüche und Albernheiten machen den Roman zu einer zynischen Satire. Sein Ausgangspunkt ist eine Liebe und Eifersucht am liebesfeindlichsten Ort der Welt: Golo Thomsen, ein SS-Offizier wie aus dem Arno-Breker-Bilderbuch, liebt Hannah Doll, die bezaubernde, traurige First Lady des KZ. Thomsen ist ein Frauenheld und Zyniker, anfangs guter Nazi aus Langeweile, später "obstruktiver Mitläufer", zuletzt Saboteur aus Liebe. Hannah leidet unter der Dummheit und Grobheit ihres Gatten, der sich als Kulturmensch im Dienst versteht, aber nur ein Schwätzer und Säufer ist.

Werther im KZ, Madame Bovary in Ausschwitz: Amis kostet die klassische Dreierkonstellation aus und verschmäht auch sonst kaum eine Pointe. Doch sind seine Hauptfiguren mehr als nur Karikaturen. Die englische Kritik feierte "Interessengebiet" fast einhellig. Selbst wer Amis' Holocaust-Satire nicht mag und Adornos Diktum, nach Ausschwitz könne man keine Gedichte mehr schreiben, in Ehren hält, muss zugeben: Selten ist ein Autor so virtuos am Unbegreiflichen gescheitert.

Martin Amis : Interessenge biet. Kein & Aber, 422 S., 25 €