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Drei Tage, um 500 Meter zu befreien

Vor dem Schlossberg planten die GIs die nächste Offensive. Foto: the trailblazers/Stadt forbach
Vor dem Schlossberg planten die GIs die nächste Offensive. Foto: the trailblazers/Stadt forbach FOTO: the trailblazers/Stadt forbach
Forbach/Saarbrücken. Lucien Honnert war ein Jugendlicher, als Forbach im Zuge des Zweiten Weltkriegs zum deutschen Gebiet wurde. Nach einer Lehre in Saarbrücken war er fünf Jahre später auch dabei, als sich Deutsche und Amerikaner einen bitteren Kampf um seine Heimat lieferten. Hélène Maillasson

Am Wochenende erinnern die Forbacher an die Befreiung ihrer Stadt durch die Amerikaner vor 70 Jahren. Nach 105 Tagen Belagerung konnte die Bevölkerung wieder aufatmen. Doch überschwängliche Feierszenen am Straßenrand, wie man sie von Paris oder anderen befreiten Städten in Frankreich kennt, gab es keine. "Die Menschen hatten mehr als drei Monate mit wenig zu essen und in Kellern und Garagen in ständiger Angst gelebt", erinnert sich Lucien Honnert, der damals 17 war. "Die Leute waren auch moralisch am Ende. Man hatte mit einer schnellen Befreiung gerechnet. Stattdessen kam die ewige Belagerung." Außerdem habe die Stadt wie ein einziges Trümmerfeld ausgesehen; 70 Prozent davon war zerstört worden. Und die Eroberung durch die US-Kräfte zog sich. Um die rund 500 Meter von Lucien Honnerts Haus bis zur Innenstadt zu befreien, brauchten sie drei komplette Tage. "Die Deutschen haben bis zum bitteren Ende gekämpft."

Als der Zweite Weltkrieg Forbach erreichte, war Honnert noch ein Junge. Mit seiner Mutter flüchtete er zu Verwandten. Als Frankreich kapitulierte, kamen sie zurück. "Unser Haus stand noch, aber die deutschen Soldaten hatten alles geplündert. Wir sind in den Wald gegangen, um unsere Matratzen zu holen, die sie dort hingeschleppt hatten", erzählt er. Mit der Eingliederung des aktuellen Départements Moselle ins Reich kam der Vater - zu der Zeit französischer Kriegsgefangener - frei und die Honnerts wurden zu Volksdeutschen.

Als Lucien Honnert in die weiterführende Schule kam, wurden viele seiner Mitschüler als Helfer in die deutschen Flakartillerie eingezogen. Um dies zu verhindern, schickte ihn sein Vater nach Saarbrücken in die Lehre. "Ich lernte bei einem Orthopädiemeister in der Viktoriastraße", erzählt Lucien Honnert. Er erinnert sich gerne an diese Arbeit. Sein Meister und der andere ältere saarländische Angestellte waren gut zu ihm. "Es gab zu dieser Zeit als Orthopädiefachmann viel zu tun, wir versorgten hauptsächlich die deutschen Kriegsverletzten. Dafür bekamen wir auch extra Lebensmittelkarten", berichtet er. Dass er in Saarbrücken arbeitete, weckte auch bei französischen Widerstandskämpfern Interesse. Mit 16 begann er im "Netzwerk Schuster" (nach dem Nachnamen eines Forbacher Försters, der diese Zelle leitete) für sie Auskünfte zu sammeln - zum Beispiel, wo sich Trafos und Telefonverteiler in Saarbrücken befanden.

Als die amerikanischen Truppen Ende November 1944 im nahen St. Avold einrückten, brach Honnert seine Lehre ab, um sich zu verstecken. "Am 28. November fand der erste große Artillerieangriff der Amerikaner statt", beschreibt er die Lage. Unter dem Schlossberg versteckten sich bis 3000 Forbacher in unterirdischen Galerien. Das Warten war wegen der Enge und der Dunkelheit furchtbar. Ein paar Familien verließen das Versteck und suchten in umliegenden Häusern Unterschlupf. "Einmal kamen die Deutschen um 5 Uhr morgens mit Taschenlampen, um mögliche Deserteure aufzugreifen", sagt Honnert. An diesem Tag hatte er Glück, er versteckte sich unter einem Bett und wurde nicht gefunden. "Von dort sah ich die Stiefel des Soldaten, er hat sich aber nicht gebückt, um zu kontrollieren, ob jemand da lag."

Nicht nur Honnert, der mittlerweile 17 war, sondern auch viele andere Männer in Forbach , die sich weigerten für die Deutschen zu kämpfen, schlugen sich von Versteck zu Versteck durch. An die amerikanischen Befreier, die ihm doch etwas fremd waren, kann sich Honnert gut erinnern - wie sie rohe Kartoffeln aßen und Verletzungen mit Schnaps desinfizierten. Ein Moment ist im Gedächtnis des heute 87-Jährigen für immer eingebrannt: Als er mit ein paar Kumpels ganz oben in die Kirche kletterte und die französische Flagge hisste.