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Dahin, wo Meinung gemacht wird

Unterschiedliche Menschen am immer gleichen Ort: Der Bolzplatz an der Martin-Luther-Straße hat viele interessante Leute gesehen – wie hier die Filmkünstlerin Sanchira Vanchir. Foto: Piñata
Unterschiedliche Menschen am immer gleichen Ort: Der Bolzplatz an der Martin-Luther-Straße hat viele interessante Leute gesehen – wie hier die Filmkünstlerin Sanchira Vanchir. Foto: Piñata FOTO: Piñata
Saarbrücken. 6000 Fotos haben sie geschossen, von 55 Menschen, die ihrer Meinung nach das Saarbrücker Stadtbild prägen. Das Ergebnis ihrer wochenlangen Arbeit stellten die Mitglieder des Projekts Pinata auf Facebook. Brigitte Quack

Unter einem wolkenverhangenen Himmel treffen am Samstagnachmittag einige junge Erwachsene auf dem Bolzplatz in der Saarbrücker Martin-Luther-Straße zusammen. Mehrere Hunde verschiedener Größen sind ebenfalls vertreten; kein Gebell und kein Gejaule, denn da ist auch Hundesitterin Sabrina. Die kennt sich aus mit Hunden. Doch heute trägt sie einen kurzen schwarzen Rock, eine weiße Bluse und schwarze Stilettos - nicht gerade hundetauglich möchte man meinen. "Das ist Teil unseres Projekts", erklären Christine Thull, Karina Hartwahn und Mats Karlsson, die dieses Outfit ganz bewusst ausgewählt haben.

Sie sind Mitglieder des Anfang letzten Jahres gegründeten Künstlerkollektivs Piñata und kommen aus dem kreativen Bereich (Literaturwissenschaftlerin, Kommunikationsdesignerin, Fotograf). Heute sind sie ohne die andern fünf Mitglieder hier vor Ort, um ihre gemeinsame Fotostrecke zu beenden. Sprich: die letzten von insgesamt 6 000 Fotos zu schießen, die hier, auf diesem Bolzplatz, seit 14. Juni aufgenommen wurden. Seit Anfang Juli laden sie nun Tag für Tag jeweils eines von 32 ausgewählten Hauptfotos und einige Hintergrundfotos in das soziale Netzwerk "Facebook " hoch. "Dorthin, wo Meinung gemacht wird."

Die ,,Fotomodelle'' werden so in Szene gesetzt, dass sie augenzwinkernd verschiedene Klischees bedienen. Unter anderem nehmen sie Bezug auf die Behauptung, Saarbrücken werde immer krimineller. "Rough, rugged & raw" haben die jungen Kreativen ihr Projekt überschrieben, was man mit "rau, grob und unverfälscht" übersetzen kann. Dazu passen dann auch die Umgebung und die Art der Schwarzweißfotos, die schon ein wenig an alte Gangsterfotos erinnern.

"Die Leinen der Hunde sollten gespannt sein", meint Karina Hartwahn und überlegt, wie sie die Tiere dazu überreden könnte. Mit getrockneten Schweinsohren vielleicht? Aber dann könnte es Krach unter den Hunden geben. Letztlich klappt es auch so. Wie eine Mafia-Lady bewegt sich Sabrina auf die Kamera zu. Sie hält die sechs Hunde an der gespannten schwarzen Leine. Foto um Foto wird geschossen, Und wenn der Blick auf die etwas heruntergekommene Ecke des Bolzplatzes fällt, wird die Ironie offensichtlich.

"Wir wollen einfach was tun und selbst aktiv werden", erläutert Christine Thull, die sich dieses Projekt gemeinsam mit den andern von Piñata ausgedacht hat. Dazu haben sie im Vorfeld 55 Menschen ausgewählt, die ihrer Meinung nach das Saarbrücker Stadtbild mitprägen. Unter anderem die Schauspielerin Alice Hoffmann, den Kampfsportler Mario Nguen, die Mod-Legende The Apemen oder die Mode-Bloggerinnen Andrea & Christine Funk. "Es sollten verschiedene Themen und Rollen besetzt werden. Und vor Ort hat sich meist eine tolle Dynamik entwickelt'', erzählt Thull, die wie ihre Künstlerkollegen hier Erfahrungen unterschiedlichster Art sammelt.



Auch die künstlerische Arbeit dokumentieren die Piñatas. Hier wird Musikmangament-Student Junes Arib abgelichtet. Foto: Christina Klein
Auch die künstlerische Arbeit dokumentieren die Piñatas. Hier wird Musikmangament-Student Junes Arib abgelichtet. Foto: Christina Klein FOTO: Christina Klein
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