Rainer Moritz in der Buchhandlung Raueiser

Festival ErLesen : Eine „Lesung“, bei der Lachtränen fließen

Rainer Moritz beim ErLesen-Festival: Der begnadete Plauderer scharte so viele Fans um sich, dass der Raum knapp wurde.

Nicht immer seien Autorenlesungen ein Vergnügen, sagt Rainer Moritz. Etwa wenn der Autor nuschelt, sich insgeheim vor der Begegnung mit dem Publikum fürchtet oder mit Grabesstimme eine endlose Liste von Gedichtzyklen und Dramen, die er zu Gehör bringen will, ankündigt.

Als Leiter des Literaturhauses Hamburg hat Rainer Moritz wahrscheinlich schon viel Abschreckendes erlebt. Als Autor, der jetzt in der Festivalreihe „Erlesen“ in Saarbrücken sein neues Buch „Leseparadiese“ vorstellte, verbreitete er eineinhalb Stunden reine Hochstimmung. Vor Lachen bekam man des öfteren Tränen in die Augen.

Das Thema des Buchs, eine „Liebeserklärung“ ans Lesen und seine Lieblingsbuchhandlungen in aller Welt, hätte das nicht unbedingt erwarten lassen. Womöglich aber die Persönlichkeit des Autors. Kurt Hoffmann von der Buchhandlung Raueiser, die den „Vielschreiber“ schon zum dritten Mal eingeladen hatte, schwärmte vorab noch von dessen Saarbrücker Lesung 2015 mit „Schlechtem Sex in der Literatur“ und „Schlagermusik“ mit Gesangseinlagen.

Und das – vorwiegend weibliche – Publikum strömte so zahlreich, dass Moritz’ Lesung von der Buchhandlung in die benachbarte Stadtgalerie verlegt werden musste. Kann ein Buch mit Kurzporträts von schönen Buchhandlungen denn so amüsant sein?

Um das zu erfahren, müsste man das Buch es gebürtigen Schwaben erst kaufen. Denn Moritz las daraus nur wenige Passagen, die von seiner „persönlichen Lese- und Büchersozialisation“ handelten, wobei er immer wieder ins Erzählen und Plaudern ausbrach.

Und das macht genau das Geheimnis seiner Unterhaltsamkeit aus. Moritz erweist sich als ungemein wortgewandter und flotter Plauderer mit viel Sinn für humorvolle Anekdoten und Pointen. Wenn er seine ersten Leserfahrungen mit Kinderbüchern, den Bücherclub-Bänden im Regal seiner Eltern, den drei Buchläden seiner Heimatstadt Heilbronn schildert, sieht man dies alles nicht nur plastisch vor sich. Man hat auch den Eindruck, ein alter Bekannter stehe vor einem und erzähle all diese mit Zitaten aus Büchern angereicherten Erinnerungen zum ersten Mal – und man gleicht sie unwillkürlich mit eigenen Erinnerungen ab.

Als Literaturkritiker, der er auch ist, lässt sich Moritz sogar noch überreden, einige Neuerscheinungen des Büchermarktes von anderen Autoren in Kurzbesprechungen zu empfehlen.

Auch das kann er so gut, dass ihm beim anschließenden Umtrunk in der Buchhandlung Zuhörer sogar einige jener empfohlenen Bücher von Kollegen zum Signieren reichen. Da musste Rainer Moritz lachen: „Was soll ich da denn reinschreiben? Empfohlen von ...?“
www.erlesen-saarland.de

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