Cham, Ghalia, Shahd haben den besonderen Blick

Fotografinnen : Drei Mädchen mit besonderem Blick

In einem Fotoprojekt des Fotografen André Mailänder im Burbacher Kultur- und Lesetreff haben Cham AlShehadat, Ghalia Kassem und Shahd Kbawe ihr künstlerisches Talent entdeckt. Jetzt waren sie sogar nach Berlin eingeladen.

Das eigene Foto einmal in einer Ausstellung hängen sehen – wohl der Traum eines jeden Hobby-Fotografen. Für viele bleibt es aber genau das: ein Traum. Cham Alshehadat, Ghalia Kassem und Shahd Kbawe, drei junge Migrantinnen aus Saarbrücken, haben ihren Traum allerdings in die Realität umgesetzt. Und das, obwohl sie lange gar nicht wussten, dass sie diesen Traum überhaupt haben.

Dass alles so gekommen ist, wie es gekommen ist, bezeichnen die drei als „glücklichen Zufall“. Alle drei Mädchen, im Durchschnitt 15 Jahre alt, stammen aus Syrien, alle drei leben seit drei Jahren in Deutschland. Kennen gelernt haben sie sich beim Jugendverband des DRK Heusweiler/Püttlingen.

Als ihnen einer der dortigen Mitarbeiter von einem Fotokurs im Kultur- und Lesetreff Burbach erzählte, war ihr Interesse geweckt – wenn auch auf Umwegen. „Ich wollte eigentlich gar nicht mitkommen“, erzählt Cham, „aber wir waren gerade erst in eine neue Wohnung gezogen, in der es noch kein Internet gab, ich hatte also Langweile“.

So kamen die drei Mädchen zum Fotokurs von André Mailänder und Stephanie Ludwig im Kultur- und Lesetreff Burbach. Das Thema: „Fotografie und Literatur“. Gearbeitet wurde rein thematisch, nicht technisch, erklärt Mailänder im SZ-Gespräch. Das Arbeitsinstrument: das Handy.

Jede Woche gab es ein Thema, zu dem die Kursteilnehmerinnen und -teilnehmer fotografieren sollten. Passend dazu wurden Texte und Gedichte gelesen, zusammengestellt oder geschrieben. „Jede Woche hatten wir eine neue Aufgabe“, erzählt Cham, „allerdings nicht wie eine Hausaufgabe, die sind schrecklich“. Vielmehr war das wöchentliche Fotografieren wie „eine Tasse Kaffee, wie eine Wiederbelebung“, so Shahd.

Poesie haben sie also auch im Blut. Und trotzdem, wenn die Mädchen heute an die Bilder aus dieser Anfangszeit zurück denken, lachen sie nur. Und auch André Mailänder staunt über den „Sprung“, wie er sagt, den die Mädchen in der Zwischenzeit gemacht haben. Es scheint ganz so, als hätten sie gelernt, die Welt mit anderen Augen zu sehen. Plötzlich fragen sie sich: „Wo steckt die Geschichte, die ich erzählen will?“

Die Fotografien, die letztendlich überzeugen, entstehen meist spontan. „Es muss einfach von alleine kommen“, erklärt Cham. Sie konnte bereits im letzten Jahr einen großen Erfolg verbuchen und gewann den Deutschen Jugendfotopreis 2018 mit ihrem Foto „black hole“, dem Bild einer Pfütze.

Und jetzt gerade waren alle drei erfolgreich und mit ihrer Fotoarbeit sogar nach Berlin eingeladen. Dabei wussten sie zunächst gar nicht, dass sie Bewerberinnen für das bundesweite Jugendfotoprojekt „eye_land: heimat, flucht, fotografie“ des deutschen Kinder- und Jungendfilmzentrums waren. Das hatte André Mailänder für sie eingefädelt.

Als ihre Arbeit dann tatsächlich für die Ausstellung ausgewählt und sie nach Berlin eingeladen wurden, waren sie „beeindruckt“, sie hätten niemals damit gerechnet.

Dabei war ihre eingereichte Arbeit „returning storm“ gar nicht unter dem Flucht-Aspekt entstanden: Die Fotoreihe zeigt eines der Mädchen von hinten. Sie läuft auf einen Zaun zu. Dahinter: Rauch, Gefahr. „Man kann jedes Bild mit einem Thema verbinden“, erklärt Ghalia. Die ausgezeichneten Fotos sind mystisch, emotional. „Man kann nicht genau sagen, was es ist, aber es hängt mit uns zusammen“, so Shahd.

Für das Fotoprojekt hat Cham einen Text zur Fotoreihe entwickelt, inspiriert von einer Fernsehserie: Es geht um eine Gruppe Jugendlicher, die in eine fremde Welt gerät, sie gehören dort nicht hin, sind nicht dort geboren. Dort, wo es gefährlich scheint, da ist ihr eigentliches Zuhause, dort gehören sie hin.

Metaphorisch, wenn man die Geschichte der Mädchen bedenkt. „So verbinden sich also Fotopreis, Serien und die eigene Geschichte“, sagt André Mailänder.

Für die Zukunft sind weitere Fotoprojekte für Jugendliche im Saarland geplant. Damit die Mädchen in der Zwischenzeit nicht in „ein Loch fallen“, so Mailänder, finanziert ihnen das Kulturamt der Stadt Saarbrücken in der Zwischenzeit Stipendien für die Abendschule der Hochschule der Bildenden Künste. In einem Aufbaukurs für Jugendliche werden sie dort weiter an ihren fotografischen Fertigkeiten arbeiten.

Cham Alshehadat, Ghalia Kassem und Shahd Kbawe (von links) bei einem Besuch in der Galerie der Hochschule der Bildenden Künste. Die drei Mädchen sind für ihre gemeinsame Fotoarbeit ausgezeichnet und nach Berlin eingeladen worden. Foto: Oliver Dietze

„Endlich“, sagen die Mädchen. Die drei sind dankbar, haben lange darauf gewartet, dass es weitergeht. Fotografie ist für sie zum Hobby geworden. Das Hobby irgendwann einmal zum Beruf zu machen, darüber haben sie auch schon nachgedacht. Und eine Idee, für eine neue Fotoserie hat Cham auch schon: eine Fenster-Reihe. Wie geht es dem Menschen dahinter? „Ich liebe Fotografie“, sagt sie und lacht dabei.

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