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Der 96-jährige Albert Wolf erzählt vom Krieg und seiner Gefangenschaft

96-Jähriger erzählt : Einmal um die Welt und wieder zurück

An der Front wäre Albert Wolf fast gefallen. Stattdessen verschlug es ihn während seiner Kriegsgefangenschaft bis nach Amerika.

Der Nachwuchs schiebt im Sommer 2020 Frust wegen Corona. Wenn Albert Wolf aus Auersmacher an den Sommer zurück denkt, in dem erst 19 Jahre alt war, muss er tief durchatmen. Es war der Sommer 1944 und der Zweite Weltkrieg tobte nahezu überall. Im Juni begann die Invasion der Aliierten in der Normandie. Dort fiel sein jüngerer Bruder. Nach der Normandie hieß das nächste Ziel der Amerikaner Brest. Und dort war Albert Wolf stationiert.

„In Brest war der strategisch wichtigste Hafen in Frankreich. Unser Befehl hieß: Verteidigen bis zum letzten Mann. Wir wussten alle sofort, was das heißt“, blickt der 96-Jährige zurück. „Es kam einem vor, als wenn wir mit einer Hand voll Leuten gegen die halbe USA antreten mussten. Wir lagen alle in einer Linie an der Front, egal welche Ausbildung oder Dienstgrad. Neben uns schlugen überall Bomben ein und es war klar, dass es in jeder Sekunde vorbei sein konnte.“ Einer der schlimmsten Tage seines Lebens. Bis heute träumt er von Brest. „Neben uns schlug plötzlich eine Bombe ein, von der habe ich immer noch einen Splitter um Arm und im Kreuz. Mit zwei Freunden verkroch ich mich in einem Loch, dass wir vorher gegraben hatten. Irgendwann in der Nacht bekam ich einen Stoß gegen meinen Stahlhelm. Es waren die Amis. Wir hatten keine Waffen mehr und wurden deshalb nicht erschossen, sondern gefangen genommen.“

Er hasste den Krieg und hatte gegen keinen Menschen etwas. Als er ein Jahr zuvor Wilhelmshaven Essensmarken verteilte, gab es die klare Anweisung, dass Juden nur geringe Mengen an Essen bekommen dürfen. „Mir war das egal. Ich hatte einen jüdischen Freund. Von mir bekam jeder das Gleiche und es fiel nie auf“, erzählt der 96-Jährige.

Unmittelbar nach seiner erfolgreichen Ausbildung zum Verwaltungsangestellten in Kleinblittersdorf begann der Krieg. Konnte man sich damals nicht weigern oder einfach abhauen? Albert Wolf lacht und schüttelt den Kopf. „Wer sich weigerte kam an die Front in die erste Reihe. Abhauen? Wohin denn? Überall war Krieg und um uns herum nur Feinde. Ich habe mich freiwillige für die Marine gemeldet und dort für die Laufbahn 9, das war die Verwaltung.“

Eine gute Entscheidung. Er koordiniert die Einsätze der Schiffe. Mit auf See musste er nicht. Durch seine offene und positive Art schien er das Glück magisch anzuziehen. Einmal gab er für einen hochrangigen Befehlshaber ein Päckchen ab und brachte einen Brief zurück. Dafür bekam er sofort eine Woche Urlaub. Er weiß bis heute nicht, wieso.

Von Brest aus ging es mit dem Schiff in die USA in die Gefangenschaft. „Das hört sich jetzt vielleicht doof an, aber es war toll. Wir sind mit dem Schiff bis nach New York und von dort mit der Bahn bis Texas. Ich habe das ganze Land gesehen und wir bekamen in dem Zug das beste Essen und sogar bedient.“ Als Gefangener arbeitete er in Texas nur 200 Meter vom Meer entfernt als Gefangener in der Verwaltung. Sonst konnte das niemand. Nach zwei Jahren ging es für zwei weitere Jahre nach England in die Gefangenschaft. „Wir sollten in der Landwirtschaft helfen, aber ich hatte wieder Glück und landete in der Verwaltung. Wir bekamen weniger Geld als in den USA, aber wir hatten einen Schuhmacher unter uns“, sagt der gebürtige Kleinblittersdorfer grinsend. „Der hat uns gezeigt, wie man Hausschuhe aus Schnüren, Säcken und geklauten Stoffen macht. Diese fertigten wird irgendwann in Massen und verkauften sie an die Engländer. Es war eine verrückte Zeit.“

1948 kehrte er zurück nach Deutschland. Das Glück blieb ihm hold. Sein Elternhaus bekam im Krieg keinen Kratzer ab. In seinen Verwaltungsjob bei der Gemeinde durfte er aber nicht mehr zurück. „Da ich vor dem Krieg, wie im Prinzip alle jungen Männer, in der Hitlerjugend war und dort auch noch eine leitende Funktion hatte, wurde ich als Nazi abgestempelt und musste mir einen anderen Beruf suchen. Ich nahm es einfach so hin und habe das Beste daraus gemacht. Die Hitlerjugend war wie ein Jugendclub und wir machten einfach etwas aus unserer Freizeit. Mit Politik hatte das für mich nie etwas zu tun, sonst wäre ich gar nicht dabei geblieben.“ Er fand bei Halberg Guss einen neuen Job, gründete eine Familie und hatte auch weiterhin viel Glück – bis vor wenigen Jahren. „Ich hatte zwar noch ein Auto, aber ich bin mit 90 Jahren noch nach Kleinblittersdorf zum Einkaufen gelaufen. Ich konnte machen, was ich wollte, ich wurde auf dem Hin- und dem Rückweg immer mitgenommen. Ich brauchte gar kein Auto mehr, also habe ich es verkauft. Es war wie verhext, denn plötzlich fragte keine mehr, ob er mich mitnehmen soll.“

Der junge Mann blickt vom Balkon auf die Hafenstadt. Foto: Albert Wolf
Albert Wolf (weiß) mit Marine-Kameraden vor einem Verwaltungsgebäude in Brest. Foto: Albert Wolf
Ruhigere Zeiten: Albert Wolf beim Rudern in Brest. Foto: Albert Wolf

Während Albert Wolf spricht, hat er seine Soldatenmarke aus dem Zweiten Weltkrieg in der Hand. „Der Glaube an das Gute in den Menschen und immer positiv denken. Ich glaube, das sind meine Geheimrezepte“, sagt er und grinst.