Rehlinger: Sorge im Saarland wegen Trend zum Elektroauto

Autogipfel : Sorge im Saarland wegen Trend zum Elektroauto

Elektromobilität soll mehr gefördert werden. Das wurde auf dem Autogipfel beschlossen. Im Saarland halten Wirtschaftsministerium und die Autobranche diese Entscheidung für viel zu einseitig.

Im Saarland stoßen die Beschlüsse des Berliner Autogipfels vom Montagabend nur zum Teil auf Zustimmung. „Der Autogipfel geht einen Schritt in Richtung elektrische Zukunft der Mobilität. Das ist richtig, denn für den Hochlauf marktfähiger E-Fahrzeuge braucht es eine höhere Anschubförderung“, lobt die saarländische Wirtschaftsministerin Anke Rehlinger (SPD) die Beschlüsse, die Kaufprämien zu erhöhen und den Ausbau der Ladeinfrastruktur voranzutreiben. Bis zu 6000 Euro Prämie soll es für den Kauf eines Elektroautos geben, und in den kommenden zwei Jahren sollen 50 000 zusätzliche öffentliche Ladepunkte entstehen.

Doch die Ministerin kritisiert die Einseitigkeit der Beschlüsse auf dem Treffen von Politik und Autoindustrie im Kanzleramt. „Die E-Mobilität ist nur ein Ausschnitt des zukünftigen Fortbewegungs-Mix, E-Mobilität ist nicht allein die Zukunft“, sagt Rehlinger. Sie vermisst eine konkrete Strategie für den Ausbau der Wasserstofftechnologie. Bisher gebe es nur Absichtsbekundungen von Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU), es müssten „mehr Taten folgen“. Altmaier schrieb in einem Gastbeitrag für die Frankfurter Allgemeine Zeitung. „Wir müssen schon heute die Weichen dafür stellen, dass Deutschland bei Wasserstofftechnologien die Nummer 1 in der Welt wird.“

Anke Rehlinger (SPD), saarländische Wirtschaftsministerin. Foto: dpa/Harald Tittel

Rehlinger bekräftigt ihren Vorschlag, das Saarland zu einer „Modellregion für Wasserstoff“ zu machen. „Wasserstoff kann ein technologischer Impuls für unsere Industrie sein, mit dem deutlich mehr Arbeitsplätze erhalten bleiben als mit der E-Mobilität und der in der Gesamtbilanz auch deutlich klimaschonender sein kann“, sagt sie. Die saarländische Auto- und Autozulieferindustrie hängt bislang in hohem Maße von der klassischen Verbrennungsmotor-Technik ab und bekommt den Wandel bei den Antrieben zu spüren. Außerdem leidet sie unter weltweit rückläufigen Autoverkäufen.

Noch kritischer als die Ministerin äußert sich Armin Gehl vom regionalen Autoindustrie-Netzwerk Autoregion über den Autogipfel. Der Fokus auf die batteriebasierten Elektroantriebe „ist nicht die richtige Weichenstellung“, sagt Gehl. Er sieht die Zukunft neben der Batterieelektrik auch in Wasserstoffautos und Fahrzeugen mit Verbrennungsmotoren, die mit synthetischen Kraftstoffen betrieben werden. Gehl sieht bei der Elektromobilität eine Fülle von Problemen: So hält er das Ziel der Bundesregierung für unrealistisch, bis 2030 eine Million Ladesäulen zu bauen. Er warnt vor hohen Kosten für die Stromnetze, die letztlich die Verbraucher zahlen müssten. Darüber hinaus sei die Entsorgung der Akkus nach Ende ihrer Lebensdauer ungeklärt, und bei der Herstellung der Batterien mache man sich von China abhängig, weil es der wichtigste Lieferant von seltenen Rohstoffen für die Batterien sei. Gehl plädiert daher bei Fahrzeugen, die auf Langstrecken genutzt werden, „weiterhin für den sauberen Dieselantrieb“. Daneben befürwortet er die Pläne der Landesregierung für den Ausbau der Wasserstofftechnologie.

Das Saarland bemüht sich beim Bund auf verschiedenen Wegen um Fördergelder, um diese Technik voranzubringen. In der Debatte um Strukturhilfen infolge des Ausstiegs aus der Kohleverstromung für das Saarland hat das Ministerium ein Konzept eingereicht. Dabei geht es um eine Investitionssumme von 150 Millionen Euro und eine Fördersumme für das Saarland von 45 Millionen Euro. Mit dem Geld soll unter anderem Folgendes finanziert werden: zwölf Wasserstofftankstellen, zwei große Elektrolyseanlagen zur industriellen Wasserstofferzeugung, Unterstützung für den Kauf von Wasserstoff-Autos und -Lkw, speziell auch für zehn Müllfahrzeuge. Ob Fördergelder aber dafür fließen, ist nach wie vor offen.

Parallel zu dem Projektvorschlag aus den erhofften Kohlehilfen hat sich die Landesregierung bei dem Programm „HyExperts“ des Bundesverkehrsministeriums beworben. Konkret geht es um 200 000 Euro für externe Unterstützung und 30 000 Euro für Sachkosten – Mittel, die dazu dienen, Wasserstoff-Projektideen zur Umsetzungsreife zu bringen. Insgesamt sind 23 Unternehmen als Projektpartner dabei: zum Beispiel die Autozulieferer Bosch und Schaeffler, die Saarbahn GmbH, die SHS Stahl-Holding Saar, die Stadtwerke Homburg und Saarlouis und die VSE. Das bislang größte Projekt plant der Energiekonzern Steag in Völklingen-Fenne. Dort soll künftig Wasserstoff im industriellen Maßstab hergestellt werden.2023 soll die Anlage an den Start gehen. Der gewonnene Wasserstoff soll Steag zufolge etwa in Stahlunternehmen genutzt, für die Stromerzeugung verwendet oder an Wasserstoff-Tankstellen geliefert werden.

Unterdessen unterstützen die saarländischen Grünen die Pläne für verstärkte Förderung der Elektromobilität. Aus ihrer Sicht müsse die Landesregierung zusätzlich zur Ergänzung ein eigenes Förderprogramm für Schnellladepunkte auflegen. Grünen Landeschef Markus Tressel wirft Ministerin Rehlinger vor, dringend notwendigen Ausbau von Schnellladesäulen seit Jahren zu verschlafen. „Wir brauchen einen konsequenten Ausbau der mobilitätssichernden Schnellladesäulen, die in Ballungszentren alle fünf Kilometer und im ländlichen Raum wenigstens alle zehn Kilometer den Autofahrern zur Verfügung stehen sollten“, sagt Tressel. Das Wirtschaftsministerium sieht aus finanzielle Gründen aber keine Möglichkeiten, eine eigene Förderung zu starten.

Das Saarland hat nach Daten der Bundesnetzagentur 39 Standorte mit 78 öffentlich zugänglichen Ladepunkten gemeldet. Davon sind acht Standorte mit insgesamt 13 Schnellladesäulen ausgestattet. Darüber hinaus gibt es laut Ministerium weitere Ladestandorte, die jedoch nicht zentral gelistet seien. Eine händische Zählung vom April hat demnach 104 Ladestandorte ermittelt.

Wie Rehlinger und Gehl kritisiert auch die Linksfraktion im Landtag die Beschlüsse des Autogipfels. Es wäre absolut falsch, jetzt nur auf Elektro-Autos zu setzen“, erklärt der wirtschafts- und verkehrspolitische Sprecher Jochen Flackus. „Das ist die unmenschlichste Art, den CO2-Ausstoß zu reduzieren.“ Schließlich würden für die Batterien der E-Autos Kobalt und Lithium benötigt, deren Abbau zurzeit mit grausamer Kinderarbeit und erheblicher Umweltverschmutzung verbunden sei. sagt Flackus.

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