Rehlinger setzt für neue Jobs in der Industrie aus Wasserstoff

Kostenpflichtiger Inhalt: Wasserstoff-Wirtschaft : Das Saarland setzt für neue Jobs auf Wasserstoff

Die Entwicklung von Wasserstoff-Technologie hinkt hinterher. Im Saarland gibt es aber bereits Projekte, die das ändern sollen.

Ob Ford, ZF, Bosch, Gusswerke Saarbrücken oder ­Eberspächer – die Auto- und Autozulieferindustrie im Saarland ächzt unter schwächelnder Nachfrage, Dieselkrise und hohen Investitionen für eine Zukunft nach dem klassischen mit fossilen Brennstoffen betriebenen Verbrennungsmotor. Mit Folgen für die Arbeitsplätze im Land. Hinzu kommt der Druck auf die Stahlindustrie, den CO2-Ausstoß drastisch zu senken.

Die Frage nach Alternativen steht im Raum. Wirtschaftsministerin Anke Rehlinger (SPD) denkt dabei an Wasserstofftechnik. „Wir sehen sowohl aus ökologischem als auch ökonomischem Blickwinkel großes Potenzial in einem Ausbau der Wasserstoffwirtschaft im Saarland.“ Das Saarland soll nach ihrer Auffassung Modellregion für die Wasserstoff-Technologie werden. So das Ziel. Die Idee dahinter mit Blick auf die Mobilität: „Wenn man es ernst meint mit CO2-Einsparung, ist das nicht so einfach mit Elektromobilität zu schaffen. Eine Technologie, mit der Klimaneutralität gelingen kann, ist die Wasserstofftechnologie. Noch hinkt die Entwicklung aber hinter der für Elektroantriebe hinterher.“ Es müsse also mehr investiert werden, fordert die Ministerin. Dabei geht es nicht nur um Wasserstoff-Motoren, sondern auch um die Nutzung von Wasserstoff in der Stahlindustrie sowie in Kraftwerken zur Strom- und Wärmeerzeugung, dazu den Ausbau eines Wasserstoff-Leitungsnetzes und von Wasserstoff-Tankstellen.

Die saarländische Wirtschaftsministerin Anke Rehlinger (SPD). Foto: dpa/Andreas Arnold

In der Debatte um Strukturhilfen infolge des Ausstiegs aus der Kohleverstromung für das Saarland hat das Ministerium ein Konzept eingereicht. Dabei geht es um eine Investitionssumme von 150 Millionen Euro und eine Fördersumme für das Saarland von 45 Millionen Euro. Mit dem Geld soll unter anderem Folgendes finanziert werden: zwölf Wasserstofftankstellen, zwei große Elektrolyseanlagen zur industriellen Wasserstofferzeugung, Unterstützung für den Kauf von Wasserstoff-Autos und -Lkw, speziell auch für zehn Müllfahrzeuge. Ob Fördergelder aber dafür fließen, ist nach wie vor offen. Die Vergabe ist ein politischer Prozess – mit ungewissem Ausgang. Die Arbeitskammer rechnet insgesamt mit 242 Millionen Euro bis 2038 – also 13 Millionen Euro jährlich. Ob diese Zahlen am Ende stimmen, ist ebenfalls unklar.

Parallel zu dem Projektvorschlag aus den erhofften Kohlehilfen hat sich die Landesregierung bei dem Programm „HyExperts“ des Bundesverkehrsministeriums beworben. Konkret geht es um 200 000 Euro für externe Unterstützung und 30 000 Euro für Sachkosten – Mittel, die dazu dienen, Wasserstoff-Projektideen zur Umsetzungsreife zu bringen. Die Gewinner werden Anfang 2020 von einer Jury gekürt.  Dabei bewirbt sich eine Region, idealerweise mit einem Konsortium von Unternehmen. So ist es auch im Saarland gelaufen. 23 Unternehmen sind beteiligt.

Erste Ansätze für die Wasserstoffwirtschaft gibt es im Saarland bereits. Das bislang größte Projekt ist in Völklingen-Fenne geplant. Dort soll künftig Wasserstoff im industriellen Maßstab hergestellt werden. Laut Kraftwerksbetreiber Steag soll in Fenne ein zweistelliger Millionenbetrag investiert werden, von dem 45 bis 50 Prozent aus Bundesmitteln stammen sollen. 2023 soll die Anlage an den Start gehen. Der gewonnene Wasserstoff soll Steag zufolge etwa in Stahlunternehmen genutzt, für die Stromerzeugung verwendet oder an Wasserstoff-Tankstellen geliefert werden. Solche Tankstellen sollen in Gersweiler und in Homburg gebaut werden. Bosch will in seinem Homburger Werk die Fertigung von Teilen für Brennstoffzellen aufbauen. Dafür gab es im Frühjahr den Zuschlag von der Bosch-Zentrale. Mehrere Unternehmen, darunter Bosch und Schaeffler, erwägen die Anschaffung von wasserstoffgetriebenen Fahrzeugen, die Saarbrücker Saarbahn GmbH denkt über Wasserstoffzüge nach.

Auch der saarländische Gas- und Stromnetzbetreiber Creos Deutschland gehört zu den 23 Partnern, die in der Bewerbung für das „HyExperts“-Programm genannt sind. „Wir haben großes Interesse an Wasserstoff“, sagt Geschäftsführer Jens Apelt. Grundsätzlich sieht er zwei Möglichkeiten: zum einen die Einspeisung von Wasserstoff als Beimischung ins Erdgasnetz. Experten hielten bis zu 20 Prozent für möglich, sagt Apelt. Zum anderen kann er sich vorstellen, alte, seit Langem nicht verwendete Leitungen ausschließlich für Wasserstoff zu nutzen. Darüber lasse sich möglicherweise, das in den Steag-Anlagen erzeugte Gas aus Fenne zu Wasserstoff-Tankstellen transportieren. Aus Apelts Sicht können die Firmen den Aufbau einer Wasserstoffwirtschaft keinesfalls allein stemmen. „Ohne Förderung geht gar nichts“, sagt er. Denn die Technologie sei von Wirtschaftlichkeit noch meilenweit entfernt.

Die Chancen für eine Wasserstoffmodellregion Saarland sind möglicherweise gestiegen, nachdem das Bundeswirtschaftsministerium seine jahrelange Skepsis beiseitegeschoben hat. Die hohen Energieverluste bei der Herstellung von Wasserstoff ließen die Technologie als Ressourcenverschwendung erscheinen. Inzwischen sieht man verstärkt das Potenzial der Wasserstofftechnik, wie aus einem Papier hervorgeht, über das das Handelsblatt berichtete. Im Oktober will das Bundesministerium nun konkrete Pläne für eine Wasserstoffwirtschaft präsentieren. Wasserstoff könne zunehmend Erdgas ersetzen und zum Beispiel in der Stahlindustrie dazu beitragen, den Kohlendioxidausstoß zu senken. Der Bundesrat stellte sich kürzlich ebenfalls hinter solche Überlegungen. Er beschloss einen auch vom Saarland mitgetragenen Antrag zum Aufbau einer Wasserstoffwirtschaft.

Einer Studie von Frontier Economics und dem Institut der Deutschen Wirtschaft Köln zufolge sind die Beschäftigungseffekte einer Wasserstoffwirtschaft hoch. Die Autoren rechnen mit bis zu 470 000 Arbeitsplätzen rund um die Erzeugung des Wasserstoffs. Und um Jobs geht es letztendlich auch, wenn das Saarland Modellregion für Wasserstofftechnik wird: „Wasserstoff kann ein technologisches Update für unsere Industrie sein und so dazu beitragen, die Industriearbeitsplätze im Saarland zu erhalten“, sagt Rehlinger.

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