Tim Hartmann (Saarstahl und Dillinger Hütte) über Stahl im Saarland

Kostenpflichtiger Inhalt: Enorme Aufgabe : Was „grüner Stahl“ an der Saar bedeutet

Der Vorsitzende der Stahl-Holding-Saar, Tim Hartmann, spricht über Herausforderungen und Kosten klimaneutraler Stahlerzeugung.

Die saarländische Stahlindustrie will in zwei Jahrzehnten auf „grünen Stahl“ umstellen. Gleichzeitig soll dann die weltweit modernste Stahlindustrie im Saarland stehen. Das sagte Tim Hartmann, Vorstandsvorsitzender der Dillinger Hütte und von Saarstahl am Montagabend auf einer Veranstaltung der saarländischen Industrie- und Handelskammer (IHK) in Saarbrücken. Er sprach dort zum Thema „Klimaschutz braucht Industrie – Grüner Stahl sollte aus Deutschland kommen“.

Hartmann zeigte sich überzeugt, dass das ehrgeizige Ziel, Stahl ohne die Emissionen von Kohlendioxid (CO2), erreicht werden kann, auch wenn dazu jahrhundertealte bewährte Herstellungsprozesse aufgegeben und eine komplett neue Erzeugung aufgebaut werden müssten. Für diesen Umbau müssten allerdings 2,5 Milliarden Euro allein im Saarland aufgewendet werden, für die gesamte deutsche Stahlindustrie seien Hartmann zufolge 30 Milliarden Euro erforderlich. „Dies könnten die Unternehmen allein nicht stemmen.“ Die Branche bräuchte daher eine signifikante Förderung und eine Unterstützung durch verbindliche Fördermittel. Dafür sei die Zeit jedoch knapp. „Wir brauchen jetzt Planungssicherheit, um in absehbarer Zeit den ersten Hochofen abschalten zu können.“

 Zudem müssten im weltweiten Wettbewerb faire Regeln vorherrschen. Denn „je fairer der Markt ist, desto weniger Hilfen werden gebraucht“. Dazu müssten Grenzausgleichs-Mechanismen eingeführt werden, um den Import von „dreckigem Stahl“ so einzuschränken, dass die einheimischen Unternehmen überlebensfähig seien. Denn der Großteil der Überkapazitäten auf dem Weltmarkt sei “billiger und dreckiger“ Stahl. Dabei bestehe die Gefahr, dass diese Importe „zunehmend den sauberen Stahl verdrängen“, warnt Hartmann. Dieses Kostengefälle werde die heimische Stahlindustrie trotz aller Innovationen nicht dauerhaft überleben.„Und der Erde ist egal, wo sie zerstört wird.“

 Das Sterben dieses Industriezweigs in Europa wäre fatal, sagt Hartmann. Denn die europäischen Stahlwerke seien effizienter und sauberer als Stahlhersteller in anderen Regionen. „Deutscher Stahl wird unter hohen Standards produziert – auch im Bereich Umweltschutz“, betonte Hartmann. Allein die Dillinger Hütte hätte in den vergangenen Jahren rund 500 Millionen in den Umweltschutz investiert – bei Gesamtinvestitionen von 1,5 Milliarden Euro.

Auf der anderen Seite ist der Manager davon überzeugt, dass „Stahl der Werkstoff der Zukunft ist. Wir haben weltweit eine wachsende Nachfrage nach Stahl. Photovoltaik, Baumaschinen, Wasserkraftwerke, Druck- und Kesselbau, neue Brücken – das alles geht nicht ohne Stahl.“ Auch die Mobilitäts- und Energiewende sei ohne Stahl nicht denkbar. Zudem sei er zu 100 Prozent recycelbar.

 An dieser Entwicklung hätten auch die Saarländer einen wesentlichen Anteil. Die Saar-Konzerne hätten 2500 Produkte im Angebot, die immer höheren Ansprüchen genügen und von denen viele erst in den vergangenen Jahren entwickelt wurden. Die Dillinger Hütte und Saarstahl würden sich „in einem hervorragendem Umfeld“ bewegen. „Das ist ein Pfund, auf das wir aufsetzen können.“

Die technischen Herausforderungen bei der Umstellung auf „grünen Stahl“ seien allerdings enorm. Unter anderem sei der Energiebedarf riesig, wenn die Stahlproduktion auf Wasserstoff-Technologie umgesetzt werde. Allein die Stromnachfrage werde um ein Vielfaches höher als dies heute bereits der Fall sei. Auch der Zwischenschritt, Stahl aus Schrott mit Elektroöfen zu erzeugen, sei problematisch. „Dafür ist viel zu wenig Schrottstahl auf dem Markt.“

Tim Hartmann, Vorstandsvorsitzender von Dillinger Hütte und Saarstahl. Foto: Oliver Dietze

Die Stahlindustrie ist immer noch eine wichtige Branche an der Saar. Bei den beiden Unternehmen arbeiten rund 14 000 Mitarbeiter. Sie erwirtschaften einen Umsatz von rund 4,5 Milliarden Euro. Die Dillinger Hütte produzierte 2,33 Millionen Tonnen Rohstahl und etwa zwei Millionen Tonnen Grobbleche. Die Rohstahl-Fertigung von Saarstahl lag 2018 bei etwa 2,78 Millionen Tonnen. Das Roheisen beziehen sie aus den Dillinger Hochöfen der Rogesa, an dem die beiden Konzerne zu jeweils 50 Prozent beteiligt sind. Wegen der schwierigen Lage in der Stahlindustrie müssen die Unternehmen pro Jahr 250 Millionen Euro einsparen. Dazu sollen unter anderem 1500 Arbeitsplätze sozialverträglich abgebaut und rund 1000 Stellen ausgelagert werden.

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