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Kirchenchor feiert seinen 125. Geburtstag "Mein Vorgänger hat mir vieles beigebracht"Sänger trauen sich an alles ran50er und 60er Jahre als goldene Zeit

Bietzen. Ein Akkord auf dem Klavier, eine Handbewegung des Chorleiters, die Einstimmung - volle Konzentration. Zur Sicherheit haben sich die Sänger ihre Einsätze in den Notenblättern farbig angestrichen - die Tenöre in Grün, Bass in Blau, der Sopran in Orange und der Alt in Gelb Von SZ-Redakteurin Margit Stark

Bietzen. Ein Akkord auf dem Klavier, eine Handbewegung des Chorleiters, die Einstimmung - volle Konzentration. Zur Sicherheit haben sich die Sänger ihre Einsätze in den Notenblättern farbig angestrichen - die Tenöre in Grün, Bass in Blau, der Sopran in Orange und der Alt in Gelb. Seit Wochen arbeitet der Chor auf den großen Tag hin - dem Festkonzert zum 125-jährigen Bestehen des Bietzer Kirchenchores am Sonntag, 17. Mai, 17 Uhr, in der Pfarrkirche St. Martin. Bei dem Auftritt soll alles wie am Schnürchen klappen. "Grundsätzlich ist es schon gut, aber dennoch ", meint Dirigent Johannes Kerwer bei einer Chorproben im Bietzer Dorfgemeinschaftshaus. An einer Stelle von Händels Halleluja will er noch feilen. Die Alt-Stimmen müssen noch mal ran - der Chorleiter macht's vor. Bass, Tenor und Sopran haben für einen Moment Pause, bevor das komplette Ensemble wieder zum Zug kommt. Vom Erfolg ist der 21-jährige Chorleiter überzeugt, ebenso wie seine 40 Sängerinnen und Sänger zwischen zwölf und Ende 70. "Wir haben ja noch ein paar Tage Zeit, bis die Stücke richtig sitzen", meint Johannes Kerwer. Dass er das Ensemble der Perfektion wegen schon mal zwiebelt, macht nichts. Im Gegenteil: "Mit Johannes macht die Sache unheimlich viel Spaß", meint Ludwina Volpert - ein Satz, den die übrigen Sänger und Sängerinnen nur unterschreiben können. Ein weiterer Beweis für die Beliebtheit des jungen Dirigenten: In den drei Jahren, in denen Johannes Kerwer Leiter ist, hat der Chor einen Zuwachs von 14 Mitgliedern erfahren. "Mit unseren 40 Leuten zählen wir zu einem der stärksten Kirchenchöre im Dekanat", sagt Kerwer stolz. Neben dem Konzert am 17. Mai, dem Höhepunkt des Geburtstagfestes, ist noch ein weltliches Konzert geplant. Eröffnet wurde das Jubiläumsjahr im Januar mit einer feierlichen Vorabendmesse. Bietzen. Zurückgeführt wird die Gründung des Chores auf das Jahr 1884. "Im Jahre 1885 übernahm Lehrer Johann Pütz die Stelle in Bietzen als Chorführer, Organist und Küster", ist in der Pfarrchronik vermerkt. Für die Zeit vorher gibt es keine Aufzeichnungen. "Am 5. Juli 1891 wurde schon eine Fahne für den Kirchenchor angeschafft", wissen die Bietzer. Diese sei im Ersten Weltkrieg verloren gegangen, wird vermutet. Aus der Übergabe der zweiten Fahne, die der Chor heute noch besitzt, machten die Bietzer ein Fest. Am 3. Juni 1928 wurde sie feierlich übergeben. Zählten die Bietzer bis zu Beginn des Ersten Weltkrieges nur Männer und Buben in ihren Reihen, so verstärkten nun die ersten Mädchen den Chor. Ab 1924 hieß der Chorleiter und Organist Otto Biehl. 1930 tritt der Chor dem Diözesan-Cäcilienverbandes bei. In diesem Jahr startete auch der Neubau der Pfarrkirche St. Martin, deren Orgeleinweihung der Chor mit einem Cäcilienfest 1936 groß feierte. Es kam der Zweite Weltkrieg und damit ein weitgehendes Aussetzen des kirchenmusikalischen Lebens, zumal Chorleiter Otto Biehl, der die Sänger zur Perfektion geführt hatte, 1940 als Soldat eingezogen wurde und am 9. Februar 1944 fiel. Der so genannte Marienchor übernahm den Part des Chores. Neubeginn 1945 Im August 1945 dann der Neubeginn. Der oblag Josef Schumacher, der neue Küster, Organist und Chorleiter. "Der Beginn war schwer, aber erfolgreich", weiß die Chronik zu berichten. "Schließlich musste der Chor neu aufgestellt werden." Doch die Mühe zahlte sich aus. 1947 zählte das Ensemble bereits 40 Mitglieder, 1952 insgesamt 80 Sänger und Sängerinnen - der bislang höchste Mitgliederstand. Diese Zahl habe sich bis Ende der 60er Jahre ungefähr gehalten. "Von da an begann eine stetige Abwärtsentwicklung, die erst in den vergangenen Jahren gestoppt werden konnte. Seit dem 1. Dezember 2005 ist Johannes Kerwer Organist und Chorleiter der Pfarrei St. Martin, einschließlich der Filialkirchen Harlingen und Menningen - in 125 Jahren der Vierte im Bunde. "Dies zeugt in all der Zeit von Beständigkeit", sind sich die Sänger einig. Noch eines ist für sie gewiss: "Der Chor war und ist ein lebendiger und wichtiger Baustein der Gemeinde." mstWas hat Sie dazu bewogen, in so jungen Jahren Kirchenmusiker-Prüfung und Chorleiter-Prüfung zu absolvieren?Johannes Kerwer: Es ist das Interesse an der Musik, vor allem der Kirchenmusik. Und es ist die Freude an der Arbeit.Wie kamen Sie zur Musik?Johannes Kerwer: Ich war vier oder fünf, als mir meine Eltern ein Keyboard schenkten. Meine Eltern erzählen immer wieder, dass ich früh morgens noch im Schlafanzug zu unserem Nachbarn, dem ehemaligen Organisten und Chorleiter Josef Schumacher, gerannt bin und ihn gebeten habe, mich das Instrument zu lehren.Welches Stück lernten Sie als erstes?Johannes Kerwer: Es waren zwei Stücke, und beide völlig konträr: Rucki-Zucki und Großer Gott, wie loben dich.Wie kamen Sie zum Dienst in der Kirche?Johannes Kerwer: Ebenfalls durch meinen Vorgänger Josef Schumacher. Er hat mich immer mitgenommen und vieles beigebracht?Was hat Ihnen denn bei Ihrer Ausbildung zum Kirchenmusiker und Chorleiter bisher am meisten imponiert?Johannes Kerwer: Mein Orgellehrer, der Dekanatskantor Ulrich Kreiter. Er hat mir viel beigebracht. Davon zehre ich noch immer. Ebenso die musikalische Gestaltung der liturgischen Feiern.Bietzen. Sie zählen zu den berühmtesten Köpfen der Welt - Mozart, der Superstar der klassischen Musik, Beethoven, der größte Komponisten aller Zeiten, oder Bach, der kreativste der letzten Jahrhunderte. In dieser Riege, die zum Auftakt des Jubiläumsjahres am Sonntag, 17. Mai, 17 Uhr in der Pfarrkirche St. Martin ihre Aufwartung machen, darf natürlich einer nicht fehlen: Georg Friedrich Händel. Von dem Mann, den van Beethoven als den größten Komponisten bezeichnet haben soll, der je gelebt hat, hat Chorleiter Johannes Kerwer einige Stücke ausgesucht, unter anderem ein Lied aus seinem bekanntesten Oratorium - das Halleluja aus dem Messias. "Das Stück passt so wunderbar zu dem Anlass - dem Geburtstag des Kirchenchores", sagt Kerwer. Mit 18 übernahm er die Leitung der 40 Sänger und Sängerinnen vom Teenie-Alter bis weit in die 70. Probleme, von den Senioren nicht ernst genommen zu werden, hat er nicht. Im Gegenteil: "Sie haben sich gefreut, dass ich als Junger mich an diese Aufgabe herantraue." Und: "Ich freue mich auf jede Chorprobe." Was ihn noch stolz macht: "Der Chor traut sich an verschiedene Werke heran - ob klassisch oder modern. Es ist ihm nichts zu viel." So proben sie seit geraumer Zeit für das Jubiläumskonzert Mitte Mai. Barock steht auf dem Plan, Klassik und Romantik. Natürlich werden auch moderne Sätze erklingen. Für den Auftritt haben sich die Bietzer das Streichensemble des Kreisjugendsinfonieorchesters Merzig-Wadern und das Bläserensemble des Musikvereins Bietzen an die Seite geholt. Die Orgel spielt Peter Meiers, die Gesamtleitung hat Organist und Chorleiter Johannes Kerwer. mst



Auf einen BlickDer Vorstand im Jubiläumsjahr: Präses: Pastor Herbert Cavelius Chorleiter: Johannes Kerwer, 1. Vorsitzender: Reinhold Horf, 2. Vorsitzender u. Schriftführer: Dr. Franz-Josef Schumacher, Kassenwart: Bernd Wegner, Beisitzer, Sopran: Sibylle Petry, Beisitzer, Alt: Ludwina Volpert, Beisitzer, Tenor: Bruno Welsch, Beisitzer, Bass: Hubert Kerwer. redAuf einen BlickAuf dem Programm für das Jubiläumskonzert: Dank sei Dir, Herr (Händel), Salve Regina (Michael Haydn), Die Himmel rühmen (Beethoven), Dankt dem Herrn (Mozart), Alle Völker preiset den Herrn (Christoph Emanuel Bach), Ave verum corpus (Mozart), Jesus bleibet meine Freude (Johann Sebastian Bach), Locus iste (Bruckner), Alma redemptoris mater (Rheinberger), Chrerubinischer Lobgesang (Bordnianski), Halleluja (Händel). red