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1. FC Saarbrücken Tischtennis
Ein Weltenbummler als Emotions-Vulkan

Bei wichtigen Siegen steigt er auch mal auf die Platte: Bojan Tokic vom 1. FC Saarbrücken vermag es, die Fans mitzureißen. Der 37-jährige Slowene spielt schon seit 2009 beim FCS.
Bei wichtigen Siegen steigt er auch mal auf die Platte: Bojan Tokic vom 1. FC Saarbrücken vermag es, die Fans mitzureißen. Der 37-jährige Slowene spielt schon seit 2009 beim FCS. FOTO: rup / RUPPENTHAL
Saarbrücken. Bojan Tokic und der 1. FC Saarbrücken spielen heute im Champions-League-Viertelfinale in Ochsenhausen. Am Sonntag kommt Bergneustadt. Stefan Regel
Stefan Regel

Er ist der Mann für die großen Emotionen. Wenn Teamkapitän Bojan Tokic an die Tischtennis-Platte geht, kann es spektakulär werden. Und meist auch erfolgreich für den 1. FC Saarbrücken. Der seit zwei Wochen 37-jährige Slowene steht mit dem FCS vor einem wichtigen Wochenende. Heute müssen die Saarbrücker ab 19.30 Uhr im Viertelfinal-Hinspiel der Champions League beim Bundesliga-Rivalen TTF Ochsenhausen antreten. Und am Sonntag geht es in der Liga gegen den Vorletzten TTC Bergneustadt. Die Blau-Schwarzen sind um 15 Uhr in der Multifunktionshalle an der Hermann-Neuberger-Sportschule klarer Favorit. Zumal der FCS mittlerweile auf Tabellenplatz zwei steht – allerdings punktgleich mit dem Dritten Werder Bremen und dem Vierten TTC Fulda-Maberzell auf dem letzten Playoff-Platz.


„Wir haben in der Hinrunde gegen alle Playoff-Konkurrenten verloren. Gegen die müssen wir in der Rückrunde gewinnen“, sagt Tokic. Ochsenhausen, das werde ein ganz enges Duell. Ärger und Ehrgeiz sind ihm anzuhören. Sie gehören zu ihm wie der Schalk im Nacken, der beim Erzählen oft hervorblitzt. „Ich freue mich sehr über Siege“, spricht Tokic darüber, dass er nach wichtigen Erfolgen auch gerne mal auf die Platte steigt. „Ich bin aber auch bei Niederlagen sehr traurig“, gibt er zu und meint verschmitzt: „In Umkleidekabinen gibt es vieles, was man kaputtmachen kann.“ Sein Schläger muss dagegen nicht dran glauben. Damit spielen die Profis jahrelang, wechseln dafür die Beläge ab und an.

Beim FCS sind alle Mann an Bord. Neben Tokic sind auch Tiago Apolonia, Patrick Franziska und Patrick Baum schon am Mittwoch nach Oberschwaben gefahren. Bei Ochsenhausen ist der Einsatz von Spitzenspieler Simon Gauzy noch unklar, der Franzose litt unter Rückenproblemen, war diese Woche noch beim Arzt. Gauzy hatte auch vor drei Wochen beim Pokalfinal-Turnier in Neu-Ulm gefehlt, als sich der FCS im Halbfinale mit 3:1 gegen die TTF durchgesetzt hatte, um dann im Finale gegen Borussia Düsseldorf mit 0:3 zu verlieren.



Während Baum den FCS im Sommer verlassen wird und Franziska vor Kurzem bis 2021 verlängert hat, soll die Entscheidung über den Verbleib des Portugiesen Apolonia und des Slowenen Tokic bis Ende Januar fallen. Also bis Mitte nächster Woche. Beide würden gerne bleiben. „Wir würden beide auch gerne behalten, aber nicht zu jedem Preis“, sagt FCS-Betreuer Nico Barrois. Gerüchte um einen Neuzugang aus China wies er zurück, es solle nur ein Chinese als Sparringspartner für die Trainingsgruppe an die Sportschule kommen.

Auch Tokic wohnt, wenn er im Saarland ist, an der Sportschule. „Capitano“ und Anführer: Tokic ist seit 2009 beim FCS und damit mit Abstand dienstältester Spieler. Mit seinen Qualitäten könnte er sicher auch FCS-Neuzugang Darko Jorgic ab Sommer die Eingewöhnung leicht machen. Zumal das 19-jährige Toptalent vom TSV Bad Königshofen ebenfalls Slowene ist.

Tokic wurde 1981 in Jajce geboren. In Jugoslawien. Einem Land, das es nicht mehr gibt. Heute gehört Jajce zu Bosnien-Herzegowina. 1992 kam das Tischtennis-Talent, das mit sechs Jahren erstmals am Tisch stand, nach Slowenien. Seitdem lebt er in Nova Gorica, wo auch seine Familie wohnt. Dort hat er ein Haus gebaut, dort lebt seine Freundin, die im Kindergarten arbeitet. Nach Stationen in Cagliari (Italien), Ljubljana (Slowenien) sowie in Deutschland beim SV Plüderhausen und TTC Frickenhausen gehört der Nationalspieler beim FCS nun gewissermaßen zum Inventar. Wegen seiner Emotionen, aber auch wegen seiner Einstellung. „Ich bin keiner, der jammert, dass es hier oder da wehtut und ich nicht spielen kann. Ich beiße auf die Zähne. In acht Jahren habe ich zwei Bundesliga-Spiele verpasst.“

Umso bitterer war es, dass Tokic beim Pokalfinale passen musste. Eine heftige Erkältung, die er sich beim Skifahren zugezogen hatte, stoppte ihn damals. Nova Gorica ist nicht weit weg von den slowenischen und italienischen Wintersportregionen. Jetzt ist der Mann, der Deutsch, Englisch, Serbokroatisch und Slowenisch spricht, wieder fit. Geflucht wird am Tisch auf Serbokroatisch, erzählt das Temperamentsbündel. Und auch nach der aktiven Karriere will er dem Tischtennis treu bleiben. Vielleicht als Trainer, vielleicht in der Materialbranche. „Ich kann jetzt keine Blumen verkaufen. Der Sport hat mir so viel gegeben, daher würde ich gerne im Sport bleiben“, erzählt der 37-Jährige. Und dass man auch noch mit der 4 vorne an der Spitze mitmischen kann, zeigen Beispiele wie die schwedischen Altmeister Jan-Ove Waldner und Jörgen Persson.

Nachdem er in der Weltrangliste wegen eines neuen Systems von Platz 60 auf Rang 93 gefallen ist, muss er nach der Saison auf vielen Turnieren um Punkte kämpfen, um wieder unter die Top 50 zu kommen. Thailand, China, Hongkong, Australien stehen auf dem Programm. „Ich lebe dann trotz Flugangst quasi in Hotels und Flugzeugen. Hilft ja nichts“, sagt der Mann, der zu wichtigen Spielen früher gerne mal eine rote Unterhose trug. Als Glücksbringer. Mittlerweile hat er sie nicht mehr so oft an. Aber immer in seiner Sporttasche. Denn gewinnen und auf den Tisch steigen ist dem Emotions-Menschen deutlich lieber als wieder etwas kaputtzumachen.