Der gute Geist von der Tankstelle

Zwischen den Jahren dürfen sich die meisten Menschen in der Region gemütlich zurücklehnen. Aber einige müssen arbeiten. In der Serie „Unterwegs mit . . .“ begleiten wir sie. Heute sprechen wir mit Ursula Niechotz.

Montag, 28. Dezember, erster Werktag nach Weihnachten . Wir sind in der Aral-Tankstelle an der Karolinger Brücke verabredet mit Ursula Niechotz. Wir müssen nicht lange suchen. Hinten im Laden steht eine Frau und winkt uns mit beiden Armen zu. Der erste Eindruck: Diese Frau - mit immerhin schon sechs Jahrzehnten Lebenszeit - steckt voller guter Laune und Vitalität bis hinauf in die Haarspitzen.

Und sie legt gleich los. "Ich arbeite hier seit 20 Jahren, und diesmal hatte ich zum ersten Mal an Weihnachten frei, und jetzt bin ich hier zwischen den Jahren einschließlich Silvestermorgen, und an Neujahr habe ich dienstfrei."

"Aber dann schneist du wahrscheinlich doch mal herein", ruft ein Kollege herüber. "Na ja", sagt sie lachend, "irgendwie bin ich halt mit dem Laden verheiratet und so etwas wie die Mutter von unserem Team. Und wenn einer der 16 Kollegen krank wird, oder es hakt irgendwo, dann bin ich ruckzuck hier."

Natürlich weiß sie genau, wie das Geschäft am Heiligabend verläuft. Es sei immer dasselbe Muster, sagt sie. "In der Frühe kommen die Schichtarbeiter, dann läuft noch alles ziemlich normal, keine Hektik bei den Kunden ." Das ändere sich ab 14 Uhr, bei Geschäftsschluss der Supermärkte. "Dann wird noch schnell getankt, dem Auto vielleicht noch eine Wäsche spendiert, bevor die Kunden nach Hause fahren, um die Bescherung vorzubereiten."

Ganz interessant wird es ab 17 Uhr: Dann muss nämlich noch schnell gekauft werden, was man morgens vergessen hat. Ursula Niechotz zeigt mit großer Handbewegung über die Verkaufsregale hin, die ein Supermärktchen bilden. Dann kommt eine Frau, die vergessen hat, Sahne zu kaufen. Ein Kunde braucht Lesestoff für die Feiertage, ein anderer unbedingt noch ein Geschenk, gekauft wird ein Spielzeug für ein Kind, frische Brötchen für den nächsten Morgen, Wurst, Pralinen, und schnell noch eine Flasche Champagner für die Liebste.

"Und immer wieder Blumen von der Tanke", sagt sie lachend, "und es kam schon mal ein Kunde, der ganz aufgeregt um 18 Uhr nach einem Weihnachtsbaum fragte, da konnten wir leider nicht dienen."

Ab etwa 19 Uhr ist nochmal mehr Betrieb, man fährt zu Oma, tankt noch schnell, nimmt Süßigkeiten oder eine Flasche Wein mit. "Wir haben ja rund um die Uhr geöffnet, ab 23 Uhr mit Nachtschalter, dann werden Getränke oder Pizza nachgekauft, nein, es wird nie langweilig."

Sie kennt viele Kunden seit Jahren, kennt ihre Sorgen und Nöte. "Ich habe gerne mit Menschen zu tun und nehme am Schicksal der anderen Anteil." Und wenn gerade ordentlich Betrieb ist? "Dann nehme ich mir halt die Zeit, eventuell hier am Stehtisch, wenn es ruhiger ist. Denn mit 60 Jahren hat jeder schon Leid erlebt, auch ich."

Und jetzt zeigt Ursula Niechotz, dass der Optimismus ihrer Augen auch mit Tragik umgehen kann. Ihr Hobby ist nämlich, Engel zu sammeln. Engel? "Ja", sagt sie leise und ein bisschen verlegen, "ich habe über 30 Engelfiguren zu Hause, ich glaube an ihren Schutz, sie geben mir Mut, seit mein Bruder qualvoll gestorben ist." Aber wieso? Er starb doch. "Ja, aber sie gaben mir die Kraft, diesen Tod zu ertragen."

Ein Kunde kommt zu ihr, wünscht ihr ein gutes neues Jahr. "Ich dir auch", sagt sie, "Du wirst sehen, das neue Jahr wird für dich besser als das alte." Er geht, sie sagt: "Ein guter alter Freund." Das wird sie an Silvestermorgen wohl mehrfach sagen, wenn sie von halb fünf bis 13 Uhr Dienst hat.

"Vielleicht auch länger", sagt sie und hat wieder das Lachen in den Augen.