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Wo sich Annegret Leiner den Grundzügen des Menschseins nähert

Atelierbesuch : Den Grundzügen des Mensch-Seins nahe

Annegret Leiner ist eine der renommiertesten Künstlerinnen im Land. Bis heute arbeitet die 79-Jährige täglich in ihrem Atelier im KuBa.

Definitionsgemäß ist das Atelier der Arbeitsplatz eines Kreativen. Doch schon beim ersten Schritt über die Türschwelle zu Annegret Leiners Atelier wird man von der ganz eigentümlichen Energie des Raumes ergriffen. Man begreift: Die Künstlerin tut hier mehr, als im ganz handwerklichen Sinne zu arbeiten. In kämpferischer Auseinandersetzung nähert sie sich hier den Grundzügen des Mensch-Seins.

Auf den großformatigen Arbeiten, die an langen Streben von der Decke hängen, treten auf Zeichenfolie breite, schwarze und farbige Pinselstriche in den Dialog mit mehrfach vergrößerten, zerrissenen Fotos. Treten ihnen gegenüber, reiben sich an ihnen auf. „Anstoß für solche großen Arbeiten fand ich schon immer in persönliche oder auch gesellschaftlichen Konflikten“, sagt die Malerin.

Ganz anders steht es um die Reihe kleinerer Collagen, die sich noch nicht fertiggestellt am Boden reihen. Zwischen abstrakten Linien und Farbelementen, stehen dort Bilder und Fotografien von ganz realen Händen. Entstanden seien sie aus der „aus der Lust am spielerischen Umgang mit Realitätsfragmenten“, sagt Leiner.

So, wie ihre Genossen aus der Reihe „Flugzonen“, die an der Wand lehnen. „Dazu hat mich die pure Freude am Fliegen bewegt“, bemerkt Leiner. „Ich glaube gar nicht, dass das was ich mache so furchtbar abstrakt ist“, ergänzt sie während sie auf die Flugzeuge deutet, „es gibt immer Wegweiser, eine Realitätsreferenz“. Auf einen „realen, wiedererkennbaren Handlungsablauf“ verzichte sie aber in all ihren Bildern konsequent. Und noch eine Gemeinsamkeit eint all ihre Werke: Immer gehe es um Bewegung und Gegenbewegung, „die Energie, die fließt oder die gestoppt wird“, erklärt sie, „das Grundprinzip des Lebens“.

Annegret Leiner denkt lange nach, bevor sie spricht, korrigiert immer wieder ihre Aussagen. „Es ist so schwierig mit Worten“, bemerkt sie, „den letzten Rest kann man nicht erklären“. Sie bittet zum Sofa in der anderen Ecke des Raumes. Zum Ateliergespräch hat sie alte Kataloge mitgebracht, auch ein Buch mit Zeitungsberichten und Fotos, die ein Familienmitglied für sie angefertigt hat. „Ich selbst wäre nie auf die Idee gekommen Zeit für so etwas zu opfern“, lacht sie, „mir war es immer wichtiger, in Ruhe arbeiten zu können“.

Die Bücher sollen ihr als Erinnerungsstütze dienen, „ich habe viel vergessen“, sagt Leiner. Verwunderlich ist das nicht, schließlich arbeitet die heute 79-Jährige seit fast 60 Jahren als Malerin. Die Kataloge zeugen von Leiners beständigem Schaffen und ihrer steten Entwicklung: Von der Überwindung des rein Gegenständlichen ihrer künstlerischen Anfänge, zur Befreiung der Linie und des Pinselstrichs bis hin zu den Collagen mit hochkopierten Fotos, die sie mittlerweile selbst anfertigt.

Sie erzählen von ihren stets gelobten Einzelausstellungen und Beiträgen zu den Landeskunstausstellungen, 2015 dann der Albert-Weisgerber-Preis der Stadt St. Ingbert. Auch ein Foto der Eröffnung des Kulturzentrums am Eurobahnhof 2007 klebt im Erinnerungsbuch. Annegret Leiner ist von Anfang an dabei, hat dort mittlerweile seit 13 Jahren ihr Atelier.

Dabei sahen die Pläne für ihr Leben zunächst anders aus. 1961 kam die in Hannover geborene Leiner zum Studium der Kunstgeschichte nach Saarbrücken, wechselte 1962 an die damalige Werkkunstschule Saarbrücken, später an die Staatliche Hochschule für bildende Künste Braunschweig. „Ich wollte zunächst in die Kunsterziehung“, erklärt Leiner. Doch das Referendariat trat sie nie an, wählte den Weg der freien Künstlerin.

Von bewusster Entscheidung will Leiner nicht sprechen. „Ich musste das tun“, sagt sie. Noch heute steht sie jeden Tag im Atelier, sonn- wie feiertags. „Wenn man so gestrickt ist wie ich, würde man in jedem Beruf alles geben“, sagt Annegret Leiner. „Aber eine Antwort gibt es in keinem anderen Beruf auf diese Weise“, betont sie. Sie meint keine Antwort, kein Zuspruch des Publikums. Das sei sowieso immer ein Plus, nie die Essenz ihres Schaffens gewesen. Sie meint den Augenblick, wenn das Bild fast fertig ist, „mir plötzlich eine Antwort gibt“, wie Leiner sagt, „das ist ein verrückter Moment“. Und: Die Entlohnung für ihre harte Arbeit, die Selbstzweifel, den manchmal erbitterten Kampf mit dem Bild. „Aber auch das ist wieder eine Formulierung, die einen aufs Glatteis führen kann“, korrigiert sich Leiner zum letzen Mal, „man sollte nicht zu viel reden“.