„Welchen Finger nimmt man denn?“

Immer mehr Senioren entdecken das Internet für sich. Im Saarland gibt es für sie spezielle Kurse, die Nachfrage ist groß. Ebenso groß ist die Motivation der Senioren – sie entdecken eine völlig neue Welt.

Der Kurs hat noch gar nicht richtig begonnen, da gibt es schon die ersten Probleme. "Was heißt denn Wischen?" fragt eine ältere Dame, und eine andere möchte wissen: "Welchen Finger nimmt man denn dafür?" Kursleiter Wolf-Dieter Scheid (55) reagiert ruhig und freundlich. Schließlich hat er ganz besondere "Schüler" vor sich sitzen in diesem Computer-Kurs in Saarbrücken : Elf Senioren , von denen einige noch nie einen Touchscreen bedient haben und von denen die meisten nicht wissen, wie man mobil ins Internet kommt. Oder was eine App ist - geschweige denn, wie man sie herunterladen kann. Damit sich das ändert, sitzen sie hier: Acht Frauen und drei Männer um die 70, die bei der Familienbildungsstätte des Diakonischen Werkes den Kurs "Kaffee - Kuchen - Tablet" gebucht haben.

Und der ist begehrt. "Ich wollte schon öfter teilnehmen, aber ständig war er ausgebucht", sagt Heinz Schmeer, mit 91 Jahren wohl der älteste Teilnehmer in diesem Kurs. "Wir freuen uns, endlich dabei sein zu können", gibt seine Frau Hilde (81) zu. Schließlich haben die beiden schon seit längerer Zeit ein Tablet, aber fühlen sich noch unsicher damit. "Ich habe immer Angst, dass ich etwas falsch mache", gibt der frühere Fahrlehrer zu. "Und wenn ich etwas von Cloud höre, dann stelle ich mir eine Wolke vor - aber damit können wir nichts anfangen." Die beiden Rentner wissen jedoch ganz genau, was sie mit dem Tablet einmal anfangen möchten: Den Enkeln im Schwarzwald eine E-Mail schreiben zu können etwa.

Aber erst einmal gilt es, ein paar Grundkenntnisse zu lernen: Was ein Tablet überhaupt ist, wofür man einen Internet-Zugang oder eine SIM-Card benötigt und was sich hinter den vielen bunten Bildchen verbirgt. Es dauert seine Zeit, bis es allen Teilnehmern gelungen ist, das 20-stellige Kennwort für das WLAN einzutippen. Doch dann geht das große Staunen los. Immer wieder haken die Senioren interessiert nach, wenn Scheid Beispiele nennt. Vom Radiohören auf dem Tablet, von der Wettervorhersage oder auch, wie man ein Käsekuchen-Rezept findet. Selbst das Verwalten des Terminkalenders stößt auf Verwunderung und Begeisterung: "Ach!" hört man oft an diesem Morgen.

Andere jedoch wirken schon nach eineinhalb Stunden verzweifelt. "Ich komm gar nicht mehr klar, ich weiß gar nicht, wo ich drücken soll. Bei mir ist alles anders", sagt eine Teilnehmerin genervt. Und eine 74-Jährige, die ursprünglich den Kauf eines Tablet-PCs erwog, ist überzeugt: "Das werde ich auf keinen Fall machen. Ich bin viel zu nervös für so etwas. Und ich brauche viel zu viel Zeit, um das zu lernen. Da lese ich doch lieber ein schönes Buch oder kümmere mich um den Hund."

Zum Thema:

Hintergrund Der Verein Medien-Netzwerk Saar-Lor-Lux und die Landesmedienanstalt führen mit Unterstützung des Landes und der EU seit 2005 die Kampagne "Onlinerland Saar" durch. Bislang haben 70 000 Saarländer an über 3000 Internetkursen teilgenommen. Gleichzeitig erhöhte sich der Anteil der Saarländer, die online sind, von 48 auf 70 Prozent. dpa

Mehr von Saarbrücker Zeitung