"Ich spiele wahnsinnig gern die Fiesen"

Saarbrücken. Er ist einer dieser Menschen, von denen man sich stundenlang verabschieden kann - weil ihnen zwischen Tür und Angel immer noch eine neue Anekdote einfällt

Saarbrücken. Er ist einer dieser Menschen, von denen man sich stundenlang verabschieden kann - weil ihnen zwischen Tür und Angel immer noch eine neue Anekdote einfällt. Wenn Rupprecht Braun mit parodistischem Talent und Selbstironie die unterschiedlichen Künstlertypen in der Theaterkantine beschreibt - "die Schauspieler stecken die Köpfe zusammen und diskutieren leise, die Sänger rufen laut: Tataaa, ein Bier bitte!'' - dann möchte man immerzu "Da capo!" rufen, mehr davon. Oder wenn er erzählt, wie er vor vielen, vielen Jahren Kellner-Statist am Münchner Gärtnerplatztheater war und Pavarotti mitten in der "Bohème"-Vorstellung bei ihm Pasta bestellte.Rupprecht Braun ist unterhaltsam, im Leben und auf der Bühne. Der Tenor mit der komödiantischen Ader ist einer der Lieblinge des Saarländischen Theaterpublikums. Und das seit 30 Jahren schon! "Eigentlich wollte ich ja nach zwei Jahren wieder weg aus Saarbrücken", erzählt er gut gelaunt im SZ-Gespräch. Nach dem Vorsingen war der gebürtige Münchner ein bisschen rumgefahren, weil er das Umland sehen wollte. "Ich kam im November - und fuhr dann nach Völklingen, wo damals noch die Hochöfen qualmten. . . ."

Der Kulturschock war groß. Aber dann hat ihn das Saarland mit seinem Gemütlichkeits-Sog doch gepackt - "Man wird hier so toll aufgenommen" - und aus den geplanten zwei Jahren wurde ein halbes Leben. "Ich habe hier ein Theater gefunden, wo ich alles machen kann: Oper, Operetten, Musical." Ruppi, wie ihn Kollegen liebevoll nennen, hat in der Hochphase der Saarbrücker Operettenzeit zwischen "Zirkusprinzessin" und "Wiener Blut" quasi alles gesungen, was leicht und launig ist. Er spielte aber auch den Tony in der West-Side-Story, den Eisenstein in der "Fledermaus" oder das "Traumfresserchen" im Kindertheater. Er war - welche Bandbreite! - ein unvergessener Mime in Wagners Nibelungen und ist gerade jetzt als Hexe in "Hänsel und Gretel" der fleischgewordene Albtraum aller besorgten Eltern. Denn auch wenn Rupprecht Braun ein lustiger Geselle ist, "ich spiele wahnsinnig gern die Fiesen", sagt er, und seine blauen Augen leuchten entzückt, "da kann man so viel zeigen, Aggressivität, Schleimigkeit. . . den ganzen Abend den fröhlichen Kuckuck geben, ach nee".

Als Rupprecht Braun am Saarbrücker Theater anfing, war Martin Peleikis Generalintendant - "er ruft heute noch an meinem Geburtstag an". Und das Theater war noch ganz anders als heute, wie er erzählt. "Früher ist das ganze Ensemble jeden Abend einen trinken gegangen und hat gefeiert, heute ist alles viel disziplinierter und kontrollierter, sehr professionell", meint er - und im Lob schwingt durchaus Bedauern mit. Auch ansonsten hat sich viel geändert in 30 Jahren. "Früher wurde mehr auf die Charakterisierung der Figur geachtet, heute zählt die Bildsprache mehr". Ausgewiesene Musiktheater-Regisseure würden seltener. Da falle in der Opernprobe dann schon mal der Satz: "Lassen wir doch die Musik mal völlig beiseite." "Überspitzt gesagt, ist es manchmal wichtiger, dass oben eine Kloschüssel durchs Bild fährt, als das, was wir Sänger unten machen." Da mischt sich dann auch ein Hauch Bitterkeit ins muntere Plaudern.

Würde er den Beruf heute trotzdem nochmal wählen? "Mit dem Können, das ich hab, ja!". Aber die jungen Kollegen heute hätten oft kaum noch die Chance ihre Stimme zu entwickeln. Früher habe man mit kleinen Rollen angefangen und langsam aufgebaut. "Aber heute ist der Druck größer, ich habe schon Kollegen erlebt, da war die Stimme nach drei Jahren kaputt." Und dazu kommt: "Man verdient saumäßig schlecht. Oft verdienen die Chorsänger oder Beleuchter mehr als der Solist."

Über 2000 Vorstellungen hat Rupprecht Braun gesungen, gut 100 Partien hat er drauf und bisher acht Generalmusikdirektoren erlebt. Wer da sein liebster war? Die Antwort kommt wie aus der Pistole geschossen: "Der jetzige! Kamioka, den liebe ich. Der Mann fühlt Musik". Aber auch mit Jirí Kout arbeitete er gern - "obwohl der sich oft nicht beherrschen konnte".

Überhaupt sind Theatermenschen nicht eben einfache Charaktere, und mancher Regisseur arbeite seine eigenen Komplexe an den Darstellern ab. "Wenn Sie so eine Knallcharge als Regisseur haben, der Sie fertig macht, da brauchen Sie eine Elefantenhaut, und es ist gut, seine Familie dazuhaben", meint er. Das ist aber nur einer der Gründe, warum seine Frau Brigitte Kölschbach im Saarbrücker Opernchor singt. "Dass in diesem Beruf beide Karriere machen, ist fast unmöglich", meint Rupprecht Braun. Viele Jahre waren seine Frau und er durch ihre Engagements getrennt. Der Ehe zuliebe hängte sie das Solofach an den Nagel.

In diesen Tagen renovieren die beiden gerade ihr Haus in Fechingen. "Wir haben beschlossen, auch nach meiner Pensionierung im Saarland zu bleiben". Das etwas gemächlichere Tempo hierzulande schätzt er. "München ist so eine Karrierestadt." Zeit und Genuss sind ihm wichtiger geworden.

Da schließt sich der Bogen zum Kollegen Pavarotti. Die Anekdote mit dem endet nämlich so: "Ich bin in die Kantine gerannt und hab einen Teller Spaghetti besorgt. Da ist er aufgesprungen, hat mich mitten auf der Bühne umarmt und während der Vorstellung seine Pasta gegessen." "Wenn Sie so eine Knallcharge als Regisseur haben, der Sie fertig macht, da brauchen Sie eine Elefantenhaut."

Zur Person

Rupprecht Braun kommt aus einer ganz bürgerlichen bayerischen Familie. Der Vater war Arzt, der eine Bruder ist auch einer geworden, der andere Diplom-Ingenieur. Rupprecht Braun hat auch mal zwei Semester Jura probiert. Aber da hatte er schon angefangen, am Theater kleine Statistenrollen zu übernehmen ("Ich war auch bei Fassbinder Statist und im Tatort"). Er war so oft im Theater, "dass mein Vater irgendwann sagte: Nimm doch dein Bett mit". Da schwenkte der Sohn um, studierte Gesang an der Musikhochschule München und wurde vom Fleck weg ans Theater St. Gallen engagiert. bre