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Er komponiert zu Bildern von Klee und Miró

Der israelische Komponist Tzvi Avni (M.) mit Schülern des Deutsch-Französischen Gymnasiums in der Musikschule. Foto: Iris Maurer
Der israelische Komponist Tzvi Avni (M.) mit Schülern des Deutsch-Französischen Gymnasiums in der Musikschule. Foto: Iris Maurer
Saarbrücken. Sieben Jahre alt ist der Junge, als er mit seinem Freund Helmut in die Trierer Straße läuft, um den Aufmarsch der deutschen Soldaten zu sehen. Es ist Februar 1935, vor einem Monat hat die Mehrheit der Bevölkerung des Saargebiets für einen Anschluss an Hitlerdeutschland gestimmt. "Das bedeutet für die Juden nichts Gutes", spürt das Kind Von SZ-Mitarbeiterin Alexandra Raetzer

Saarbrücken. Sieben Jahre alt ist der Junge, als er mit seinem Freund Helmut in die Trierer Straße läuft, um den Aufmarsch der deutschen Soldaten zu sehen. Es ist Februar 1935, vor einem Monat hat die Mehrheit der Bevölkerung des Saargebiets für einen Anschluss an Hitlerdeutschland gestimmt. "Das bedeutet für die Juden nichts Gutes", spürt das Kind. Zu Hause sagt der Vater, es werde nun Zeit für die Familie, nach Palästina zu gehen.Das Kind heißt Hermann Jakob Steinke, ist Sohn einer jüdischen Kaufmannsfamilie und lebt in der Saarbrücker Sophienstraße. Die Straße existiert längst nicht mehr, Hermann Jakob Steinke heißt heute Tzvi Avni, ist 84 Jahre alt und einer der bedeutendsten Komponisten Israels.


Zuerst ohne Noten

Über seinen Lebensweg und seinen Werdegang als Komponist sprach Tzvi Avni auf Einladung der Musikschule der Landeshauptstadt Saarbrücken und der Saarbrücker Kammerkonzerte am Montag mit Schülern des Deutsch-Französischen Gymnasiums.

Mit dem von SR-Journalist Friedrich Spangemacher moderierten Gespräch startete die Musikschule ihre Festwoche, die noch bis 30. September mit zahlreichen Kulturveranstaltungen fortgeführt wird.



"Als wir nach Palästina kamen, musste ich erst einmal Hebräisch lernen. In Saarbrücken hatte ich die französische Schule besucht", erzählt Avni. Neu waren auch die Klänge, die er in Haifa hörte: Orientalische Melodien mischten sich mit traditioneller jüdischer Musik und Folklore.

Zur Musik kam Tzvi Avni erst spät: "Zu meinem 13. Geburtstag habe ich mir ein Instrument gewünscht und bekam eine Harmonika von Hohner. Ich begann sofort, Lieder zu spielen und zu komponieren."

Da er keine Noten schreiben konnte, erfand er ein eigenes Schriftsystem, um seine musikalischen Erfindungen zu notieren. Erst mit 16 bekam er seinen ersten Musikunterricht. "Ich wollte unbedingt Musiker werden", erinnert sich Avni, der an der Israel Academy of Music in Tel Aviv studierte und dann für zwei Jahre in die USA ging, wo er auf Fürsprache von Edgar Varèse ein Stipendium für die Columbia University in New York erhielt.

Eigene Musiksprache

Ebenfalls in den USA studierte Tzvi Avni bei Aaron Copland und Lukas Foss, erlebte Happenings mit John Cage und kam erstmals mit der elektronischen Musik in Berührung. "Als ich nach Israel zurückkam, musste ich ein Gleichgewicht finden zwischen der modernen und der traditionellen Musik." So fand Tzvi Avni zu einer ganz eigenen musikalischen Sprache, die unter anderem inspiriert ist durch bildende Künstler wie Miró und Paul Klee.

So war es ein Bild von Miró, das er bei der Komposition von "Heroic fiddling", Teil des Klavierzyklusses "from my diary", im Kopf hatte, während ihm im Fall von "the night song of a flying octopus" ein Bild vorschwebte, wie es Paul Klee gemalt haben könnte. Thomas Betz, Klavierlehrer an der städtischen Musikschule, spielte diese und weitere Werke Avnis vor und gab den Schülern damit Gelegenheit, sich einen lebendigen Eindruck von der Klangwelt Avnis zu machen.

Auch bei der offiziellen Eröffnung der Festwoche der Musikschule am Montagabend war - neben Werken von Bach und Théodore Gouvy - Musik von Tzvi Avni zu hören und der Komponist selbst war Ehrengast. Bei dieser Gelegenheit brachte Avni seine Verbundenheit mit seiner Geburtsstadt zum Ausdruck. "Ich habe hier sehr viele Freunde. Heute ist Saarbrücken für mich fast wie eine zweite Heimat."