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Alles andere als ein gewöhnliches Chorkonzert

Der Ansager führt in das Konzert ein. Foto: Oliver Dietze
Der Ansager führt in das Konzert ein. Foto: Oliver Dietze FOTO: Oliver Dietze
Saarbrücken. Beim Konzert in der Saarbrücker Congresshalle verzichtete der Gemischte Saarbrücker Frauen- und Herrenchor am Samstag auf übliche Gesangsdarbietungen. Man setzte auf Schwermut und Tanzeinlagen. David Mallinowski

"Achtung, Achtung: Wir singen heute nicht die üblichen Chorstücke, die Sie schon oft gehört haben", kündigt der Sprecher am Samstag in der Congresshalle an. Was mehr als Versprechen, denn als Warnung gemeint ist, wird sich in den kommenden zweieinhalb Stunden bewahrheiten. Vom klassischen Chorgesang hat es nicht mehr viel, wenn Chorleiterin Amei Scheib ihre Sängerinnen und Sänger, den Gemischten Saarbrücker Frauen- und Herrenchor, zusammenschweißt und sich dem Querulanten Hanns Eisler mit dem Programm "I'm not a hero, I'm a composer" annimmt.

Keine religiöse Stimmung, Gott sei Dank, bei Eisler geht das so: "Lobet die Kälte und das Verderben, es kommt nicht auf euch an und ihr könnt unbesorgt sterben." Keine Naturbetrachtungen: "Erst wenn wir gesiegt haben, wird ein Vogelruf im Wald sein." Keine Liebeslieder, stattdessen singt Solistin Stefanie Becker die Ballade von der "Judenhure" Marie Sanders. Bitter, ironisch, unbequem. Bewusstsein schaffen statt Beweihräucherung.

Es sind die anderen Themen, die den jüdischen Sozialisten Hanns Eisler umtrieben und Chorleiterin Scheib veranlassten, die Hommage an den Komponisten zum Großprojekt aufzuziehen. Da ist allen voran die Sangesleistung der Chöre, die so ehrlich, so lebensfroh ist. Vor allem während der solistischen Darbietungen zeigt sich, dass diese Chöre zwar bunt sind, musikalisch aber nichts verschmieren.

Ein Highlight: Doro Chadzeleks während des "Stempellieds", die zeigt, dass Berliner Schnauze und anmutige Altstimme sich nicht ausschließen müssen. Überhaupt bestehen, ja brillieren, die Sänger nicht nur gesanglich, sondern auch spielerisch. Unter der Direktion von Regisseur Ingo Fromm werden die Werke Eislers zur Gesellschaftsoperette während des Wiens der zwanziger Jahre, dem nationalsozialistischen Berlin, der Status-Quo-Bewegung (das Saar-Lied zum 13. Januar 1935), sowie in den USA und schließlich in der DDR.

Nicht nur die Chöre besorgen die einnehmende Bühnendynamik. Die Jugendtanzgruppe "iMove" des Balletts des Saarländischen Staatstheaters trägt den Schmiss des Gesangs in ihren Bewegungen weiter, mal anmutig als spielerische Kinderpaare, mal aufgeweckt, wenn eine junge Tänzerin den Klavierhocker zum Tanz erklimmt. Treffender als im Programmheft geschrieben lässt es sich nicht sagen: Was Marina Kavtaradze und Thomas Betz an den Flügeln zeigen, grenzt an Akrobatik. Sänger als Schauspieler, Pianisten als Artisten, dazu das Bühnenbild, das beinahe künstlerische Installation ist. Krischan Kriesten zerschnipselt Alltagsfotografien, lässt den Hollywood-Schriftzug verblassen und schüttelnde Hände und Stacheldraht als visuelle Komposition aufflackern.

Nur weil Amei Scheib zwischendurch kleine Positionierungsschwierigkeiten beheben muss, schlägt die Anerkennung des Publikums einmal nach unten bis zum Achtungsapplaus aus. Der Rest: Begeisterung. Kein gewöhnliches Chorkonzert, ein Spektakel.



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