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Hoffnungen und Enttäuschungen bei der Rückgliederung des Saarlandes vor 60 Jahren

Was die Rückgliederung vor 60 Jahren dem Saarland brachte : Vor 60 Jahren kam Saarland zu Deutschland

Die Währungsumstellung von Francs in D-Mark weckte Hoffnungen, brachte aber auch vielen Saar-Unternehmen mit ihren Marken das Aus.

Leicht bewölkt war der Himmel über der Saar, als der „Mairegen“ kam. Doch mit mit einem Schauerguss hatte er nichts zu tun. „Mairegen“ war das Tarnwort für den Tag X, den Tag der Währungsumstellung von Francs auf D-Mark im Saarland – heute vor genau 60 Jahren. Es stand für Lastwagen voller Geldscheine und Münzen, die – von schwerbewaffneten Bundesgrenzschutz-Einheiten begleitet – am Morgen des 5. Juli 1959, einem Sonntag, bei Einöd die Grenze zum Saarland passierten. In der Luft schwebten drei Hubschrauber, die die Konvois ständig im Auge behielten.

 Die etwa 100 Lkw hatten 580 Millionen D-Mark an Bord. Denn ab Montag dem 6. Juli war die bundesdeutsche Währung auch im Saarland das einzig gültige Zahlungsmittel. Der französische Franken wurde abgelöst. An diesem Tag fielen auch die Zollschranken zur Bundesrepublik. Das Saarland war damit endgültig ein deutsches Bundesland und die „kleine Wiedervereinigung“ vollendet.

Grundlage der Rückgliederung war der am 27. Oktober 1956 in Luxemburg von Deutschland und Frankreich unterzeichnete Saar-Vertrag. Die politische Eingliederung des Saarlandes in die Bundesrepublik vollzog sich bereits am 1. Januar 1957. In diesem Vertragswerk wurde auch festgelegt, dass das Land bis spätestens zum 31. Dezember 1959 wirtschaftlich ein Teil der Bundesrepublik Deutschland sein und die D-Mark den französischen Franken als Währung ablösen sollte. Aber schon Anfang 1959 war klar, dass dieser Zeitrahmen nicht bis zum Ende ausgeschöpft werden sollte.

Doch wann es soweit war und der Tag X anbrach, musste möglichst lange geheim bleiben, um Spekulationen zu verhindern. Erst am Vormittag des 4. Juli war das Datum von Bundeswirtschaftsminister Ludwig Erhard (CDU) über Radio Saarbrücken verkündet worden. In der Nacht zum zum 6. Juli öffnete Ministerpräsident Franz Josef Röder (CDU) dann um Mitternacht bei Homburg die Zollschranke.

Am Morgen begann bei den Geldinstituten an 500 Ausgabestellen der D-Mark-Umtausch der französischen Franken, mit denen die Saarländer zuvor knapp zwölf Jahre lang bezahlt hatten. Für 100 Franken wurde 85 Pfennige ausgezahlt. Die Übergangsfrist zwischen der politischen und wirtschaftlichen Rückgliederung von mehr als zwei Jahren war als nötig erachtet worden, weil im Saarland die Uhren wirtschaftlich anders tickten als in der übrigen Bundesrepublik. Die ökonomischen Verbindungen zum gallischen Nachbarn waren wegen des einheitlichen Wirtschafts-, Währungs- und Zollgebiets eng. Die Interimszeit sollte genutzt werden, um mit staatlicher Unterstützung eine sanfte Loslösung vorzubereiten.

Um den Saar-Unternehmen den Übergang in den westdeutschen Wirtschaftsraum zu erleichtern, hatten sie daher noch Jahre nach der Wiedereingliederung das Privileg, Waren zollfrei nach Frankreich zu exportieren. Außerdem waren schon vor dem Tag X 1,5 Milliarden D-Mark an die Saar geflossen, um die Wirtschaft zu stabilisieren.

Zudem war das Saarland damals stark von Kohl und Stahl geprägt. Mehr als 60 000 Menschen waren 1959 noch im saarländischen Bergbau beschäftigt und die Stahlindustrie gab 33 000 Menschen Arbeit. Doch die ersten Wetterleuchten einer Montankrise waren dann doch nicht mehr zu übersehen. Drei Bergwerke waren 1959 bereits geschlossen worden, obwohl die Saarbergwerke 1957 und 1958 eine Kapitalspritze von zusammen 148 Millionen D-Mark erhalten hatten.

Darüber hinaus gab es etliche Saar-Firmen, die mit Konsumwaren eine Blütezeit erlebten, als das Land in den französischen Wirtschaftsraum integriert war und die auch nach dem Tag X eine Chance haben sollten. So sorgten beispielsweise im Saarland der 50er Jahre die Waschmittel Hexim und Valan aus den Tip-Werken Hartung in Saarbrücken für saubere Kleidung. Die Landsieg-Margarine der Sulzbacher Firma Fauser, die ihrem Brotaufstrich schon Vitamine zusetzte, durfte ebenfalls in keinem Haushalt fehlen. Unter staatlichem Schutz – nach französischem Vorbild – hatten sich insgesamt 16 Tabakfabriken in der Region etabliert, die mit Marken wie Lasso, Sultan, Rotfuchs oder Halbe Fünf um die Gunst der Raucher warben. Auch Kühlschränke und Herde – beispielsweise unter dem Markennamen Jega – wurden hierzulande produziert.

Dennoch überlebten viele saarländische Firmen die Umstellung nicht. Sie gingen pleite oder wurden von westdeutschen Unternehmen aufgekauft, wie zum Beispiel die Neunkircher Firma Menesa. Sie versorgte während der „Franzosenzeit“ die saarländischen Hausfrauen mit Töpfen, Pfannen oder Sieben und die französische Gendarmerie mit Helmen. Aufgekauft wurde Menesa später von dem schwäbischen Familienunternehmen Eberspächer, das mittlerweile seit Jahrzehnten dort Abgasanlagen für Autos und Lkw fertigt.

Die saarländische Wirtschaft litt trotz gekaufter Zeit und Unterstützung lange unter dem Übergang. Darüber sind sich die Experten einig. Erleichterung verschafften zudem der westdeutsche Dauerboom der 60er Jahre und die Tatsache, dass sich in diesem Jahrzehnt viele Firmen ansiedelten, die den Grundstein für das „Autoland Saarland“ legten: Ford, Bosch, ZF-Getriebe oder Michelin.

Nach dem Tag X waren die Menschen im Saarland dann zunächst einmal in einem Konsumrausch, da die neue westdeutsche Warenwelt, die ihnen jetzt uneingeschränkt offenstand, einen großen Reiz ausübte. Denn zuvor mussten die Saarländer für bundesdeutsche Waren kräftig Einfuhrzölle zahlen, sodass in der Folge geschmuggelt wurde, was das Zeug hielt.

Ministerpräsident Franz-Josef Röder spricht in der Nacht zu 6. Juli 1959 zu seien Landsleuten, übertragen auch im Radio. Foto: Julius C. Schmidt
1959 kommt die D-Mark auch an die Saar. Foto: dpa/Bernd W¸stneck

Doch schnell herrschte auch Ernüchterung. Weil die meisten Einzelhändler die Preise mit 100 Francs im Verhältnis zu einer D-Mark festlegten, waren viele Waren auf einen Schlag um 15 Prozent teurer. Das verkrafteten viele nicht. Schon am 9. Juli kam es deshalb landesweit zu einem einstündigen Streik gegen „die Profitgier unverantwortlicher Geschäftemacher“, und Wirtschaftsminister Erhard reiste wenige Tage später an die Saar, um die Gemüter möglichst zu beruhigen. Etliche Zeitgenossen übernahmen sich zudem mit Ratenkäufen – sodass der Volksmund witzelte, dass nach dem „Mairegen“ manchem „das Wasser bis zum Hals stand“.