Saarbrücker Abiturrede in der Modernen Galerie: Auto Clemes Meyer über Träume

Saarbrücker Abiturrede : Eine Rede von „Rat und Traum“

Autor Clemens Meyer sprach in der Modernen Galerie zu Abiturienten.

„Die Gedanken sind frei.“ Das von SR-Intendant Thomas Kleist in seinem Grußwort zitierte Volkslied könnte Pate gestanden haben für die, von Schlagwerkern der Musikhochschule umrahmte 21. Rede an die AbiturientInnen: Alles drehte sich um die Freiheit des Denkens und der Sprache.

Die Saarbrücker Abiturrede ist eine bundesweit einzigartige Einrichtung und wird, auf Initiative des ehemaligen SR-Literaturredakteurs Ralph Schock, seit 1999 ausgerichtet von Kultusministerium, Saarländischem Rundfunk und Union Stiftung. Seit 2013 werden die Ansprachen namhafter Schriftsteller vom Conte-Verlag jeweils als Einzelband herausgegeben, mittlerweile liegt außerdem ein Sammelband der Jahre 1999 bis 2015 vor.

Nun war im bis zum Anschlag bestuhlten Vortragssaal der Modernen Galerie der Autor Clemens Meyer dran, sich in die illustre Riege der Aufrechten und Unverbogenen einzuhaken: „Ich würde meine Hand dafür ins Feuer legen, dass kein einziger der Autoren dieser Reihe sich in seinem Sprachgebrauch einschränken lassen würde“, sagte Gerd Brosowski von der Union Stiftung. Sich Vorschriften machen lassen, sich der Zensur beugen, Phrasendrescherei betreiben: Das, meinte Brosowski, sei unvereinbar mit guter Literatur. Und so finden sich unter den bisherigen Saarbrücker Abiturrednern Kaliber wie Feridun Zaimoglu, Sibylle Lewitscharoff, Jenny Erpenbeck – oder die Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller, die bereits 2001 die frisch Maturierten ermutigt hatte, sich keine Grenzen setzen zu lassen.

Dass aber eine freie Gesellschaft und offene Grenzen heute keine Selbstverständlichkeit mehr seien, mahnte Kultusminister Ulrich Commerçon (SPD) an. Er verwies auf die dunkle Seite der Tradition der Abi­turreden, die von staatlicher Seite auch schon als Propagandainstrument missbraucht wurden. „Trauen Sie den Obrigkeiten nicht!“, warnte Commerçon. Zu selbständigem Denken zu befähigen, sei das Wichtigste, was Schule leisten könne – und so appellierte er an die Abiturienten, sich für demokratische Belange einzusetzen.

Zurück zu Clemes Meyer: SR-Literaturredakteurin Tilla Fuchs würdigte den 1977 in Halle geborenen Leipziger Schriftsteller als brillanten Erzähler (aktueller Geschichtenband: „Die stillen Trabanten“, 2018), der weniger linear schreibe, sondern vielmehr „Montagen quer durch Zeit und Räume“ verfasse. Oft gehe es ums Träumen: „Als wir träumten“ hieß schon Meyers Debüt-Roman 2006; „Von Rat und Traum“ lautete nun der Titel seiner mit literarischen Zitaten gespickten Rede. Und die war, wie von Commerçon versprochen, „garantiert unzensiert“ -– deftig im Wortlaut, ehrlich in ihren Bekenntnissen und unverhohlen in ihren Ratschlägen. Mit den einleitenden Worten „Ich habe einen Traum“ erinnerte sich Meyer, nach Selbstauskunft „ein begnadeter Pöbler“, an seine eigene Orientierungslosigkeit nach der Reifeprüfung: ein Plädoyer für’s Rückschauen, für’s Wagen, für’s Kämpfen, für Sinnesfreuden, für‘s Wandern auf den Straßen des Zufalls, für Respekt, Demut und die Niederungen des Lebens – und eine Liebeserklärung an den Inselcharakter von Literatur und all das, was in Zeiten allgegenwärtiger digitalisierter Verfügbarkeit an Bedeutung verloren hat.

Lasst Euch inspirieren! Lasst Euch berühren, lasst Euch nicht korrumpieren – seid skeptisch, gegenüber wem auch immer, empfahl Meyer. „Trinkt. Und vergesst das Meiste von dem, was ich heute erzählt hab´!“

Am Dienstag, 2. Juli, 20.04 Uhr, ist Meyers Vortrag in der SR 2 KulturRadio-Sendung „Literatur im Gespräch“ nachzuhören.

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