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Großes Theater
„Jedermann“ erobert die Ottweiler Altstadt

Die Aufführung des „Jedermann“ in der historischen Altstadt von Ottweiler war ebenso ungewöhnlich wie erfolgreich.
Die Aufführung des „Jedermann“ in der historischen Altstadt von Ottweiler war ebenso ungewöhnlich wie erfolgreich. FOTO: Andreas Engel
Ottweiler. Die eigens für dieses Projekt ins Leben gerufene Comparserie München begeisterte am Freitag und Samstag auf dem Ottweiler Rathausplatz mit dem „Jedermann“ von Hugo von Hofmannsthal. Der Regisseur stammt aus Ottweiler. Von Anja Kernig

Gott ist eine Frau. Das überraschte insofern, als die „Jedermann“-Inszenierung von Karl-Arthur Reinshagen, die am Wochenende bei Bilderbuch-Open Air-Wetter zweimal für einen ausverkauften Rathausplatz sorgte, ansonsten sehr traditionell daher kam - und auch in der Umsetzung kaum diesen Rahmen verließ. Allein die Tontechnik und ein Flipchart mit Filzstift erinnerten, dass wir im 21. Jahrhundert leben und nicht im Mittelalter.


Geschrieben hat der Autor, Hugo von Hofmannsthal, den Jedermann nach dem Vorbild spätmittelalterlicher Mysterienspiele. Wobei er sich einer fiktiven Sprache mit mittelhochdeutscher Färbung bediente. Alles in allem also wie gemacht für die Ottweiler Altstadt allgemein und insbesondere das Alte Rathaus von 1717, das in die Handlung einbezogen wurde: „Mein Haus steht stattlich“, schwärmte Jedermann, kongenial und trotz seiner moralischen Schwäche liebenswert verkörpert von Bartholomäus Sailer, „wie es kein zweites im Saarland hat.“ Er ist halt reich, liebt das Geld fast körperlich und wo es andere ins Verderben stürzt, wäscht er seine Hände in Unschuld. Doch dann ereilt ihn, den Gotteslästerer, abrupt der Tod.

Dem verleiht Reinshagen selbst sein weißgeschminktes Gesicht – wobei es ihm als Vollstrecker des göttlichen Willens dann doch ein wenig an Autorität mangelt. Seinem Affen Zucker gibt er dafür umso mehr als goldglänzender Mammon: Leicht hysterisch, fies, burlesk lässt er Jedermann kichernd im Stich. Doch irgendwer soll den vor Angst bibbernden Reichen doch auf seiner letzten Reise begleiten, jetzt, da die große Endabrechnung naht. Die lieben Verwandten (Thomas Meierl und Manfred Eichleiter) opfern sich nicht und auch sein treuer Geselle (Stefanie Anna Winkler) verweigert ihm diesen letzten Dienst. Rettung naht schließlich von ganz unverhoffter Seite: seine guten Werke (Marietta Diehl) und der Glaube (Ronny Weise, die zudem die göttliche Allmacht spielt) bekehren Jedermann. Geläutert und guten Mutes entschwindet das Dreiergespann schlussendlich himmelwärts und lässt die Trauergemeinde am Grab zurück. Der Teufel (nochmal Stefanie Winkler) hat das Nachsehen: „Die Welt ist dumm, gemein und schlecht und geht Gewalt allzeit vor Recht“, ruft er zynisch beim Abgang. „Ist einer redlich, treu und klug, ihn meistern Arglist und Betrug.“ Eben nicht!

Für Reinshagen, Jahrgang 1952, der im bayrischen Weims lebt, ging mit dem im Juli 2017 gestarteten Jedermann-Projekt ein Traum in Erfüllung. Den hegt er seit 44 Jahren – und ließ ein paar Lokalmatadoren daran teilhaben, als die Idee in seiner Heimatstadt Ottweiler nun ganz reale Gestalt annahm.

So begeisterten am Freitag und Samstag nicht nur eine Riege Münchner Mimen, sondern unter anderem auch Ex-Rektor und -Stadtratsmitglied Willi Wälder, der in seiner Nachtwächter-Montur einen Schuldner mit strenger Hand ins Verließ führte, sowie Jugendpflegerin Ursula Jakoby, die der Tod auf einem Jedermanns-Gelage mal eben so ins Jenseits beförderte.



Auch wenn der Götze Geld im Zentrum des Stückes steht – reich wird bei diesem Herzensprojekt niemand. Stattdessen stand Begeisterung im Vordergrund, die sich auf die Zuschauer übertrug. „Am Ende steht die Ehre und das gute Gefühl, Teil dieses großartigen Stückes gewesen zu sein“, hatte der Regisseur vorausgesehen. Das Ottweiler Publikum dankte es mit herzlichem, stehenden Applaus.