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Zeltlager
In dieser Zeltstadt ist jeder ein Superheld

Beim Superhelden-Zeltlager in Fürth wurden am Lagerfeuer natürlich auch Lieder gesungen.
Beim Superhelden-Zeltlager in Fürth wurden am Lagerfeuer natürlich auch Lieder gesungen. FOTO: Anja Kernig
Fürth. Stippvisite bei einem der traditionsreichsten Zeltlager des Landkreises. In Führt campierten 68 Kinder eine Woche lang auf der grünen Wiese. Von Anja Kernig

Preisfrage: Was tun Spiderman, Hulk, Iron Man und die anderen Superhelden, wenn sich nachmittags der kleine Hunger anschleicht? Ganz einfach: Sie machen ihm den Garaus – mit Marmeladenbroten. Geschmiert werden diese soeben von den Küchenfeen im Küchenzelt. Das ist für die kleinen Superhelden Sperrzone, der Gaskocher und der Hygiene wegen. Über die Woche wird so einiges benötigt an Gläsern mit selbstgekochter Himbeer-, Johannisbeer- und Erdbeermarmelade. Immerhin gilt es täglich 68 Kinder und 27 Betreuer zu verköstigen, dazu drei Mann „Technischer Dienst“. Die sieben Küchenfrauen selbst dürfen natürlich auch zulangen bei Schnitten, Karotten und Äpfeln, die im Zeltlager der Katholischen Jugend Fürth/Lautenbach traditionell zur Vesper gereicht werden.


Überhaupt funktioniert hier vieles traditionell-routiniert. Es ist schließlich schon Nummer 37. Aus der Taufe gehoben wurde die Ferienfreizeit im Jahr 1982, das Motto lautete „Zigeunerlager“. Seitdem gibt es zuverlässig jedes Jahr ein Lager mit einem neuen Thema wie „Harry Potter“, „Pumuckl“, „Afrika“, „Römerlager“, „Piraten“ und so weiter. Ziel war, Kindern, deren Eltern sich keinen Urlaub leisten können, für kleines Geld eine tolle Ferienwoche zu ermöglichen. „Und das ist im Grunde so geblieben“, sagt Lukas Schank, der den Gästeführer spielt. 80 Euro mit Vollpension kostet die Woche, wer das nicht aufbringen kann, für den gibt es trotzdem eine Lösung.

Gegen 8 Uhr heißt es raus aus den Schlafsäcken, ab zum Frühsport. Den ganzen Tag wechseln sich Spiel- und Ruhezeiten, gemeinsame Aktionen und Mahlzeiten ab. Abends trifft man sich noch mal unterm Kreuz am Lagerfeuer, wo es immer großen Applaus für die Küchenfeen gibt und fleißig gesungen wird zur Gitarre. Am liebsten „99 Luftballons“ und den aktuellen, selbstgedichteten Lagersong, diesmal zur Melodie von „Despacito“. „Ja, hier ist jeder ein Superheld. Zusammen erobern wir die Welt.“



Wenn man so will, handelt es sich um ein kleines autarkes Dorf. Angefangen vom langen Waschtisch unter freiem Himmel, wo sechs Waschschüsseln von einer provisorischen Rohrleitung mit fließendem Wasser gespeist werden, über den gelben mobilen WC-Wagen, über den Lagerfeuerplatz mit dem halbierten Öltank als Feuerstelle und einem sechs Meter hohen Birken-Kreuz – bis hin zu den zwei Gemeinschaftszelten, in denen gegessen, ausnahmsweise auch mal Fernsehen (WM) geguckt und jetzt in der Mittagspause fleißig Uno gespielt wird.

Neu im Lager-Dorf ist der in Eigenleistung und -regie sanierte und neu aufgebaute Bauwagen (wir berichteten), in dem die Spiele und ein vier Quadratmeter-Badezimmerchen für die Betreuer untergebracht sind. „Jetzt muss niemand mehr zum Duschen nach Hause fahren.“

Weil man nicht mehr in Dörrenbach campieren kann, wurden die Zelte erstmalig am Schützenhaus Fürth aufgebaut. Ein schönes Plätzchen, nur ein paar Schritte entfernt vom Kunstrasenplatz des Tus Fürth, auf dem die Kinder täglich kicken dürfen. Das Schützenhaus selbst ist tabu. „Die haben eine scharfe Alarmanlage wegen des dort gelagerten Waffen und Munition“, erlärt Lukas und muss lachen. Beim Aufbau hatte man versehentlich den Alarm ausgelöst und die Polizei rückte ziemlich fix an. Was man ja auch als Joker werten könnte – „wenn es mal eng wird“.

Für die katholische Jugend ist das Zeltlager der Top-Act überhaupt, „die Vorbereitung für diese eine Woche beansprucht uns tatsächlich über die meiste Zeit des Jahres“, erklärt der 19-jährige Jura-Student. Im Vorfeld müssen Materiallisten geschrieben, Spiele ausgewählt oder auch neu erfunden, Wanderrouten geplant werden. Nach dem Zeltlager stehen dann das große Aufräumen und das Erstellen des Jahresplanes an.

Wer hier mithilft, war in der Regel früher Zeltlagerkind — man wächst da rein, was bei Lukas nicht anders war. Sein Vater hat hier auch schon betreut, und seine Mutter hilft im Küchenteam: „Früh bringt sie immer die Brötchen vom Bäcker im Dorf unten mit.“ Familiärer geht’s nicht. Für Lukas wäre „das Jahr unvollständig“, wenn es kein Zeltlager gäbe. Für alle anderen wohl auch.