Kinder lernen Kranken und Sterbenden Trost spenden

Kinder lernen Kranken und Sterbenden Trost spenden

Merzig. "Könnt ihr nicht nächste Woche wieder kommen?" Der Abschied von den Hospizhelfern fällt den Schülern der vierten Klasse sichtlich schwer. Den Erwachsenen geht es ähnlich. Die Projektwoche "Hospiz macht Schule" schweißt Betreuer und Kinder sicherlich noch enger zusammen, als es in anderen Projekten der Fall ist

Merzig. "Könnt ihr nicht nächste Woche wieder kommen?" Der Abschied von den Hospizhelfern fällt den Schülern der vierten Klasse sichtlich schwer. Den Erwachsenen geht es ähnlich. Die Projektwoche "Hospiz macht Schule" schweißt Betreuer und Kinder sicherlich noch enger zusammen, als es in anderen Projekten der Fall ist. Innerhalb weniger Tage hat sich ein großes Vertrauensverhältnis aufgebaut, in dessen Schutz sich die Schüler bei den Themen geöffnet haben. Sie haben über Gefühle gesprochen, genauso wie über Erfahrungen des Verlustes. Sie haben dabei sehr viel über für Kinder vermeintliche Tabu-Themen wie Tod, Sterben, Krankheit und Trauern gelernt. Diese Erfahrungen haben sie nach der Schule zu Hause weitergegeben und mit Eltern, Großeltern oder Geschwistern offen über ihre Erlebnisse in der Projektwoche gesprochen.Erfahrung auch für Lehrer Für die Lehrer ist es eine andere Erfahrung, die sie aus einer solchen Woche mitnehmen können. Sie haben die Chance, die Kinder, die sie eigentlich sehr gut kennen, aus einem anderen Blickwinkel zu sehen. Manche Schüler konnten sich erst in der Arbeit mit den Hospizhelfern in kleinen Gruppen öffnen. So erfahren die Lehrer manches Mal den Grund dafür, dass ein Kind auffällig wird oder sich sehr in sich zurückgezogen hat. Selbst wenn die Lehrer wissen, was im näheren Umfeld eines Schülers passiert ist, fehlt im normalen Schulalltag die Zeit und Gelegenheit, sich intensiv zu kümmern. Dies war in der Projektwoche möglich. Somit haben die Kinder nicht nur viel über Kranksein, Leiden oder Sterben gelernt, sondern auch, dass die Schule ein Ort ist, an dem es nicht ausschließlich auf Leistung ankommt. Sie hatten die Gelegenheit während der Gruppenarbeit auf verschiedene Weise, sei es Reden, Basteln, Malen oder Schreiben etwas von sich zu zeigen oder Geschehenes besser zu verstehen. Die Hospizhelfer sind speziell geschult und können mit viel Fingerspitzengefühl und Sicherheit sowohl die Themen als auch die Reaktionen der Kinder aufgreifen und in den Gruppen verarbeiten. So haben die Schüler am Abschlusstag noch einmal über Trauer gesprochen, wie sie einer trauernden Person Trost spenden können, oder wie sie selbst mit der eigenen Trauer umgehen. Fast schon rührend ist die Reaktion eines Mädchens, als es gefragt wird, was sie tun könnte, um jemanden zu trösten. Ohne ein Wort zu verlieren geht es schnurstracks auf die Klassenlehrerin zu, nimmt sie beherzt in den Arm und sagt: "Es wird schon alles wieder gut. Ist doch nicht so schlimm". Natürlich folgt ein kollektives Knuddeln, ohne, dass auch nur ein Schüler dies lächerlich finden würde. Sie wissen instinktiv, dass das wohl das beste Mittel zum Trost ist. Weitere Anregungen sind: Etwas zusammen machen um den anderen von seiner Sorge abzulenken. Oder jemanden beim Spielen extra gewinnen lassen, damit er sich freut. Anschließend hören die Kinder den letzten Teil der Geschichte "Julia bei den Lebenslichtern", der sie offensichtlich beeindruckt. Die kleine Julia trauert noch immer um ihre verstorbene Großmutter. Sie geht ohne das Wissen ihrer Mama ans Grab der Oma. Dort trifft sie auf einen kleinen Jungen, der sie trösten will. Er nimmt sie mit auf einen riesigen See, in dem ganz viele brennende und erloschene Kerzen schwimmen. Er erklärt Julia, dass dies die Lebenslichter der Menschen sind.Flackerndes Lebenslicht Sie brennen, so lange die Menschen leben und erlöschen mit dem Tod. Manchmal flackern die Lichter, immer dann, wenn es einem Menschen sehr schlecht geht, beispielsweise, wenn er trauert. Der Junge zeigt Julia, dass ihr eigenes Lebenslicht vor lauter Trauer um die Oma wild flackert. Doch er kann ihr den schlimmsten Schmerz nehmen, denn die Kerze der Großmutter ist zwar aus, jedoch bleibt sie so lange neben Julias Kerze stehen, bis Julia selbst irgendwann stirbt, es also niemanden mehr gibt, der an die Oma denkt. In der Gewissheit, dass ihre Oma immer bei ihr sein wird, geht es dem Mädchen schon viel besser. Ihr Lebenslicht brennt wieder stark und ruhig. Mit dieser tröstenden Idee geht es für die Viertklässler in den Abschlusstanz, der in ausgelassenem Herumgehopse und schallendem Gelächter endet.

HintergrundDas Projekt "Hospiz macht Schule" lief zum ersten Mal im Kreis Merzig-Wadern. Es wird hier vom Caritas Kontaktzentrum für Demenz und Hospiz in Haustadt organisiert. Betreuer für die Schülergruppen sind ausschließlich ehrenamtliche Hospizhelfer, die zusätzlich für den Einsatz in Schulen ausgebildet sind. Eine der ehrenamtlichen Helferinnen, Anne Naymann aus Merzig, hat sich in den vergangenen zwei Jahren immer wieder bemüht eine solche Projektwoche in einer Schule des grünen Kreises zu realisieren. Mit viel Energie und Informationsbesuchen konnte sie die beiden Lehrer der vierten Klassen an der Grundschule St. Josef und die Eltern der Schüler überzeugen. Die zweite vierte Klasse wird das Projekt zum Ende des laufenden Schuljahres ebenfalls machen. Wer Interesse an einem Projekt oder Fragen zum Thema hat, kann sich direkt an das Caritas Kontaktzentrum wenden: Caritas Kontaktzentrum für Demenz und Hospiz, Lindenstraße 39, 66701 Beckingen-Haustadt. Ansprechpartnerinnen sind Karin Jacobs und Anette Kerwer unter Telefon (06835) 40 22. red

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