Die Geschlechtsangleichung von Finn Schlaup aus Sulzbach

Leben als Transmann : „Ich war keine Prinzessin, sondern ein Junge“

Immer mehr Jugendliche wünschen sich eine Geschlechtsangleichung: Warum Finn Schlaup (24) aus Sulzbach den Weg geht.

Das weiße Kommunionkleid – für Laura Sophie Schlaup ist es an diesem Sonntag nicht zu ertragen. Das Stück Stoff passt nicht zu ihrer Identität: Laura Sophie fühlt sich wie ein Junge, doch ihr Körper ist der eines Mädchens. Die streng katholische Großmutter drängt darauf, dass die Neunjährige das Kleid anzieht. Ein Anzug oder eine Kutte kommen auf gar keinen Fall in Frage. Streit. Tränen. Schreierei. „Es war ganz klar, dass kein Weg an dem Kleid vorbeiführt. Ich musste es anziehen und darin an Bekannten und Verwandten vorbei durch ganz Hirzweiler laufen. Für mich eine Katastrophe, ein Spießrutenlauf – und bis heute die fürchterlichste Erfahrung meines Lebens“, sagt der junge Mann, der noch vor ein paar Jahren Laura Sophie war. Heute heißt er Finn Schlaup, ist 24 Jahre alt, lebt in Sulzbach und arbeitet als Altenpfleger in einem Heim in St.Wendel.

Finn Schlaup ist ein Transmann. Nichts lässt auf den ersten Blick erahnen, dass der Sulzbacher in einem weiblichen Körper geboren wurde. Vor dreieinhalb Jahren begann seine Geschlechtsangleichung. Seine Stimme ist tief, sein Gesicht kantig mit Bartwuchs, sein Händedruck fest. „Endlich fühlt sich alles, fühle ich mich richtig an“, sagt er.

Sein Weg bis zu diesem guten Gefühl war lange und schmerzhaft. Wobei seine Kindheit – bis zum Tag der Kommunion im Jahre 2003 – noch recht unproblematisch verläuft. „Ich war ein burschikoses Mädchen. Ich spielte gerne mit Jungs, und das war auch für alle in meinem Umfeld in Ordnung. Ich trug die Haare kurz und immer Hosen. Nur mein Name hat mich schon sehr früh gestört, es war so ein richtiger Prinzessinnen-Name. Ein schöner Name, aber nicht für mich. Ich war keine Prinzessin, sondern ein Junge“, erinnert sich der 24-Jährige. Dieses Gefühl bleibt bis zum Tag der Kommunion dumpf und diffus. Als Kind kann er es nicht benennen, nur fühlen.

Plötzlich, an diesem weißen Sonntag in diesem weißen Kleid, glaubt Finn Schlaup heute, tritt diese innere Unstimmigkeit für ihn und sein Umfeld binnen weniger Stunden nach außen. „Es war, als würden alle mit einem Schlag merken, dass ich anders bin. Dass ich nicht wirklich einer von ihnen bin“, sagt er. Woran das genau lag, kann er sich nicht erklären. Es gab nie Gespräche über seine Empfindungen. Doch von jetzt auf gleich lehnen die Jungs nach der Kommunionsfeier das Mädchen Laura Sophie beim Fußballspielen auf dem Schulhof ab. Laura Sophie versucht daraufhin verzweifelt, sich den gleichaltrigen Mädchen anzupassen. „Aber ich konnte mit den Gesprächen über Schminke und Kleider nichts anfangen und als mich alle entsetzt fragten, warum ich mir nicht die Beine rasiere, war ich hier auch wieder raus.“ Mit 11 dann der „Gau“: Laura Sophies Brüste beginnen zu wachsen. Mit 13 die erste Periode. „Es fühlte sich eh schon alles scheiße an und dann kam auch das noch“, erinnert sich der Transmann.

Für die auf Hormon- und Drüsenerkrankungen spezialisierte Saarbrücker Medizinerin Dr. Bettina Stamm, die seit Jahren Transidente behandelt, eine typische Entwicklung: „Transidentität“, sagt sie, „ist im Gegensatz zur Intersexualität, bei der das Geschlecht des Babys nach der Geburt nicht eindeutig feststellbar ist, keine organisch manifeste Störung. Auch keine hormonelle. Das Phänomen betrifft – soweit bisher bekannt – ausschließlich die psychische Ebene. Es geht dabei um die Identität.“ Im Laufe der Entwicklung – nicht selten schon ab Kindesalter – habe der Betroffene das Bestreben, im anderen Geschlecht zu leben. Dies kristallisiere sich besonders während der Pubertät heraus, wenn die Geschlechtsentwicklung voranschreite.

Erst gegen Ende der Pubertät sollte das Internet Laura Sophie helfen, ihr Anderssein klar einzuordnen. Sie liest Berichte über Transidente und „alles, was da stand, passte auf mich“. Zunächst ist sie erleichtert, denn zum ersten Mal kann sie Worte finden, für das, was sie empfindet. Sie scheint eine Zugehörigkeit gefunden zu haben. Doch die Hürden einer Hormontherapie, Geschlechtsanpassung und Personenstandsänderung machen ihr Angst. Laura Sophie igelt sich ein, ist depressiv und hat das erste Mal Selbstmordgedanken.

„Transidente“, erklärt der Saarbrücker Sexualtherapeut Gerhard Senf, der in den vergangenen 25 Jahren hunderte Transsexuelle aus dem südwestdeutschen Raum, Lothringen und Luxemburg behandelt hat, „haben einen enormen Leidensdruck“. Sie seien einsam, schämten und verachteten sich und hätten häufig Selbstmordgedanken. In den meisten Fällen entwickelten sie Anpassungsstörungen wie Borderline, ADHS, das Münchhausen-Syndrom oder bipolare Störungen. Senf: „Sie versuchen um jeden Preis, das zu sein, was die Umwelt in ihnen sehen möchte. Ihr eigentliches Problem, die Transidentität, bleibt häufig unerkannt, obwohl sich über deren Erkennen die übrigen Störungen sehr schnell auflösen könnten.“

Doch warum wollen immer mehr junge Menschen mit ihrem biologischen Geschlecht nicht leben? Immerhin hat die Zahl der betroffenen Teenager Medienberichten welt- und deutschlandweit zugenommen. Und auch die Saarbrücker Experten Senf und Stamm berichten von einer Zunahme der Beratungsgespräche bezüglich Geschlechtsangleichungen in saarländischen Kinder- und Jugendarztpraxen. Ist Transidentität ein Zeitgeistphänomen, das auf Youtube, Instagram oder im Fernsehen gehypt wird?, wie es der Münchner Kinderpsychiater Alexander Korte Anfang des Jahres im Magazin Spiegel genannt hat. Das Klinikum der Universität München, sagte Korte, werde mit Anfragen überschwemmt und die Zahl der Diagnosen sei heute fünfmal so hoch wie 2013.

Bettina Stamm hält das Zeitgeistphänomen – zumindest für einen kleinen Teil der Betroffenen – nicht für ausgeschlossen: „Es gibt schon Jugendliche, bei denen es auch darum geht, hipp zu sein. Es sind meist unsichere Menschen, die denken, eine Geschlechtsumwandlung könnte der richtige Weg für sie sein. Da muss man natürlich genau hinschauen.“ Grundsätzlich müsse mit den Erziehungsberechtigten von Fall zu Fall individuell entschieden werden, wann bei einem Kind hormonell oder operativ eingegriffen wird. Je nach Leidensdruck könne das auch schon sehr früh geschehen. In den meisten Fällen werde aber erst einmal zugewartet, in welche Richtung sich das Kind entwickelt. „Die Eltern sollten dem Kind auf jeden Fall Freiraum lassen und keinen Zwang ausüben. Wenn der Junge mit Puppen spielen möchte, einfach zulassen. Druck oder Verbote sind gar nicht gut für die Entwicklung“, sagt Stamms Kollege Gerhard Senf. Er  glaubt einerseits, dass sich die Zunahme der Anfragen etwa bei Kinder- und Jugendärzten in den vergangenen Jahren epidemiologisch, also über eine tatsächliche Zunahme der Fälle, erklären lässt: „Früher gingen wir davon aus, dass auf 2000 Geburten eine solche Problematik vorliegt. Heute wissen wir, dass es auf 500 Geburten der Fall ist. Das heißt, auf die Krankenkassen kommen künftig immense Kosten wegen Hormonbehandlungen und geschlechtsangleichenden Operationen zu“. Zum anderen ist er der Meinung, dass sich einfach mehr Jugendliche auch wegen der im Internet offenen Informationen trauen, sich zu offenbaren. In früheren Generationen sei das Thema tabuisiert worden und nicht selten hätten Transidente sich aus Verzweiflung das Leben genommen und das Umfeld habe nicht einmal gewusst, warum.

Offenbart hat sich Transmann Finn Schlaup früh seiner Tante. Sie ist es auch, die später seinen heutigen Vornamen Finn aussuchen darf. „Sie hat mir immer vermittelt, dass sie mich so akzeptiert, auch wenn sie manchmal Angst um mich hatte.“ Vor allem in der Zeit, als ihre Nichte depressiv wird und Angst davor hat, die Geschlechtsangleichung tatsächlich anzugehen. „Dank ihr habe ich es schließlich doch gemacht“, sagt Finn Schlaup. An seinem Arbeitsplatz im Altenheim geht er offen mit seiner geplanten Geschlechtsangleichung um. „Ich hatte Glück, viele direkte Kollegen haben mich ermutigt, den Weg zu gehen. Im sozialen Bereich wird ein Anderssein viel eher akzeptiert als auf der Baustelle“, weiß er aus Gesprächen mit anderen Transidenten.

Eine verpflichtende Psycho- und eine Gesprächstherapie, eine Namens- und Personenstandsänderung und die Entfernung der weiblichen Brust liegen mittlerweile hinter dem 24-Jährigen. Bis an sein Lebensende wird er männliche Hormone zuführen müssen. Die Entfernung seiner Gebärmutter und seiner Eierstöcke stehen in diesem Herbst noch aus. Ob er danach einen Penoidaufbau möchte, ist noch unklar. Zwei voneinander unabhängige Gutachter haben bislang den Prozess begleitet und genehmigt. 1500 Euro musste Finn Schlaup selbst tragen, die übrigen Kosten übernimmt seine Krankenkasse. Die Angleichung des Genitals „Mann-zu-Frau“ erfolgt meist mit einer einzelnen, sehr aufwändigen Operation. Eine „Frau-zu-Mann“-Angleichung ist deutlich komplexer und bedarf drei bis vier Eingriffen. Häufig nicht ohne Komplikationen.

Heute ist die Zeit als Mädchen Laura Sophie fast vergessen: Seit seine Geschlechtsangleichung begonnen hat, gehört die Bartrasur zu Finn Schlaups Ritualen. Er wird bis an sein Lebensende männliche Hormone zuführen. Foto: Iris Maria Maurer
Der Saarbrücker Therapeut Gerhard Senf. Foto: Iris Maria Maurer
Dr. Bettina Stamm ist auf Hormon- und Drüsenerkrankungen spezialisiert. . Foto: Herbert Stamm

Finn Schlaup wäre bei der Entfernung seiner weiblichen Brust um ein Haar an einem Blutgerinnsel gestorben. Trotzdem sagt er: „Der Weg, den ich bis jetzt gegangen bin, ist richtig. Ich bin glücklich. Wenn ich heute das Foto von diesem kleinen Mädchen in dem weißen Kommunionskleid sehe, überläuft es mich kalt. Das war nicht ich.“

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