Fridolin Strassel und Günter Semar : „Das war alles gut!“

Beim Sängerbund 1924 Contwig wurden Fridolin Strassel für 75 und Günter Semar für 70 Jahre Chorgesang ausgezeichnet. Die Geschichte der beiden Urgesteine ist eng verbunden mit der Geschichte des Vereins.

Singen hält gesund. Und: Zum Singen ist niemand zu alt. Besonders nicht, wenn er nahezu von Kindesbeinen an seine Stimme erklingen lässt und mit Gleichgesinnten stets dabei blieb. Der beste Beweis für die Richtigkeit dieser Aussagen sind der 90-jährige Fridolin Strassel und der 84-jährige Günter Semar. Die beiden eifrigen Sänger im Sängerbund 1924 Contwig wurden jetzt vom Deutschen Chorverband ausgezeichnet: Günter Semar für 70 Jahre Chorgesang und Fridolin Strassel sogar für 75 Jahre.

Beide erzählen begeistert, wie sie zum Singen kamen und von ihren gemeinsamen Jahrzehnten. „Unser Nachbar war ein leidenschaftlicher Sänger. Er hat mich mitgenommen in die Singstunde, da war ich so 15. Es hat mir zum Glück gefallen und ich bin geblieben“, berichtet Günter Semar. Da war Fridolin Strassel längst dabei. Besonders wichtig ist beiden nach wie vor die gute Kameradschaft.

Ehe es einen Verein gegeben hat, wurde mit Freunden gesungen, sonntagnachmittags beim „Hochreuther“, dem Vereinslokal des Sängerbunds 1924 in Contwig. „Dort wurde gesungen, man hat sich dazu gesetzt und einfach mitgemacht“, erinnert sich Fridolin Strassel. Miteinander gesungen wurde möglichst im und auch gleich nach dem Krieg wieder. Allerdings verbot die Besatzungsmacht die Neugründung des zerschlagenen Vereins mit dem Namen „Bund“ und so wurde daraus zunächst der Gesangs- und Musikverein Contwig.

„Der Sängerbund war entstanden aus dem Kegelverein“, beschreibt Fridolin Strassel, der selbst gerne und vor allem auch höchst erfolgreich gekegelt hatte. „Ich habe viel gewonnen beim Preiskegeln, oft dreimal alle Neune geworfen. Als Preis gab es damals eine Chaiselongue.“ Er lacht.

Mit der Ehe kam die Entscheidung zwischen Kegeln und Singen – er entschied sich für Letzteres. Anfangs waren es reine Volkslieder, „die, die wir in der Schule gelernt hatten“, denn Chorliteratur gab es nicht. Der Dirigent war ein alter Bauer, der auch Musiker war. Die beiden Sänger-Urgesteine erinnern sich noch vollständig an die erste Strophe des Liedes „Wo des Douro Wellen fließen“.

„Heute singen wir alle Sprachen: Russisch, Englisch und auch afrikanische Dialekte“, sagen beide stolz. Dies sei „etwas Neues, das sind wir nicht so gewöhnt“. Doch es bilde neue Synapsen und halte fit im Kopf. Als der Gesangverein nach dem Krieg wieder zum Leben kam, begann die Jugend mit Theaterspielen, denn „nach dem Krieg hat es ja nix gegeben“.

Entsprechend schnell wuchs der Verein, dem zu seinen Hochzeiten 80 Sänger angehörten. Zu dem reinen Männerchor kamen ein Frauenchor und ein Kinderchor hinzu, die beide längst nicht mehr bestehen. Die vierstimmige Musikliteratur wurde anspruchsvoller, die Manuskripte gegen Tabak eingetauscht. „Da waren schwere Sachen dabei“, bestätigt das Duo. Bei den Konzerten, etwa dem traditionellen Schubert-Konzert am Ostersonntag, hätten die Zuhörer in dem großen, ausverkauften Hochreuther-Saal sogar auf den Fensterbänken gesessen.

Zu den Höhepunkten in den Jahrzehnten gehören für beide etwa das Grenzland-Sängertreffen mit dem Saarland und Frankreich oder Konzerte mit besonderen Ehrengästen und Stars. „Das war alles gut!“, sind sie sich einig. Man habe alles mitnehmen wollen, was geboten wurde. Auch besondere Lieblingslieder hat keiner der beiden Sänger, sondern Freude an (fast) jedem Lied.

Günter Semar ist von anfangs zehn Schulkameraden der Einzige, der übriggeblieben ist. Stolz betont er: „Ich habe in meinem ganzen Leben noch kaum eine Singstunde versäumt, kam zu jedem Konzert, das wir gegeben haben, war bei jedem Umzug in ein neues Vereinslokal dabei und habe mitgeholfen.“

Das Sängerheim in der Hohlbach hinter dem Hasenheim ist der sechste Standort. Jedes Mal galt es, den schweren Flügel zu transportieren, doch „dabei war immer gute Stimmung“, erinnert sich auch Fridolin Strassel.

Durchgehalten haben die Sänger-Urgesteine nicht nur die Umzüge, sondern auch die zahlreichen Chorleiter-Wechsel. „Du bist jetzt so unser 15.“, zählen sie erstaunt mit Wolf Rüdiger Schreiweis zusammen, der den Sängerbund 1924 Contwig vor acht Jahren übernahm. Am prägendsten waren die 26 Jahre mit der damals noch blutjungen Elke Stauder. Wolf Rüdiger Schreiweis bestätigt: „Von ihren eigenen Arrangements singen wir bis heute und darauf sind wir stolz!“

Während des Kontaktverbots sangen Günter Semar und Fridolin Strassel für sich, notfalls unter der Dusche, denn „sonst verliert man seine Stimme“. Was den gesamten Chor mit seinen aktuell 13 Sängern freut: „Wir haben gelegentlich immer noch Zuwachs.“ Geprobt wird dienstags um 18.30 Uhr und neue Sänger mit und ohne Erfahrung sind herzlich willkommen. Denn: „Singen hält gesund und fit!“