Kritik zu „My Zoe“ von Julie Delpy - mit Trailer

Ethische Fragen zur Gentechnologie : Durch die Hölle der Verlusterfahrung

✮✮ „My Zoe“ von Julie Delpy: Durchwachsene Geschichte über Fragen der Gentechnologie.

Die in Berlin lebende Genetikerin Isabelle (Julie Delpy) steckt gerade in der letzten Etappe ihrer Scheidung. Ex-Mann James (Richard Armitage) nutzt die Sorgerecht-Verhandlungen um die gemeinsamen Tochter Zoe (Sophia Ally) für Machtkämpfe. Mitten in den elterlichen Kleinkrieg drängt sich ein tragisches Ereignis. Eines morgens wacht Zoe nicht mehr auf. Wie sich herausstellt, hatte sie sich unter Aufsicht des Kindermädchens auf dem Spielplatz den Kopf angeschlagen, was in der Nacht zu Hirnblutungen führte. Auch wenn die Operation zunächst erfolgreich verläuft, bleibt Zoe nach weiteren Komplikationen im Koma, bis die Ärzte schließlich den Hirntod attestieren.

Diese Szenen sind sehr schwer auszuhalten, zumal das dysfunktionale Elternpaar nicht einmal im Krankenhaus zu streiten aufhört. Man beginnt sich zu fragen, wohin der Film will, nachdem er sein Publikum im zweiten Akt durch die Hölle mütterlicher und väterlicher Verlusterfahrung geschickt hat. Die Antwort, die Julie Delpy in ihrer siebten Regiearbeit „My Zoe“ gibt, bleibt unbefriedigend. Isabelle kann sich mit Zoes Tod nicht abfinden und trifft eine radikale Entscheidung: Sie entnimmt eine Gewebeprobe ihrer Tochter und reist damit nach Moskau zu dem umstrittenen Fertilitätsmediziner Thomas Fischer (Daniel Brühl), der aus dem genetischen Material einen geklonten Embryo herstellen soll.

Unversehens landet das elterliche Beziehungsdrama auf Science-Fiction-Terrain, wo nun ethische Fragen der Gentechnologie vor dem Hintergrund der tiefen Verlustschmerzen einer Mutter verhandelt werden. Aber leider gelingt es Delpy nicht diesen moralischen Diskurs in seiner ganzen widersprüchlichen Ambivalenz zu dramatisieren. Isabelle verfolgt mit unbeirrbarer Konsequenz ihren Weg. Die Debatten zwischen ihr, dem Arzt und dessen Frau (Gemma Arterton) haben den Charakter einer Erörterungsaufgabe in der gymnasialen Oberstufe. Da fehlt es doch erheblich an analytischer Schärfe und emotionaler Tiefe.

D/F/GB/USA 2019, 102 Min., Camera Zwo (Sb); Regie und Buch: Julie Delpy; Kamera: Stéphane Fontaine; Musik: Isabelle Devinck; Besetzung: Julie Delpy, Sophia Ally, Richard Armitage, Daniel Brühl, Gemma Arterton.