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„Und morgen die ganze Welt“ von Julia von Heinz mit Mala Emde im Kino

Ab sofort im Kino : Wie sieht’s aus, mit der „wehrhaften Demokratie“?

✮✮✮✮ Neu im Kino: „Und morgen die ganze Welt“ von Julia von Heinz mit Mala Emde.

Das Recht auf Widerstand ist im Grundgesetz verankert. In Artikel 20 heißt es: „Die Bundesrepublik Deutschland ist ein demokratischer und sozialer Bundesstaat. Gegen jeden, der es unternimmt, diese Ordnung zu beseitigen, haben alle Deutschen das Recht zum Widerstand, wenn andere Abhilfe nicht möglich ist.“ Wie viele anderen ist auch dieser Artikel ins Grundgesetz als historische Konsequenz aus dem Scheitern der Weimarer Republik aufgenommen worden, deren Verfassung zu schwach war, um die Machtergreifung der Nationalsozialisten zu verhindern. Die junge Jura-Studentin Luisa (Mala Emde) in Julia von Heinz` „Und morgen die ganze Welt“ nimmt den Artikel 20 beim Wort. Sie engagiert sich in der linken Antifa, die im Erstarken des Rechtsradikalismus und der populistischen Partei „Liste 14“ klare Bestrebungen zur Beseitigung der demokratischen Ordnung sieht. Nachdem sie die Brutalität der Nazis am eigenen Leib erfahren hat, schließt sie sich Alfa (Noah Saavedra) und Lenor (Tonio Schnieder) an, die es nicht bei gewaltfreien Demonstrationen belassen wollen. 

In „Und morgen die ganze Welt“ zeichnet Julia von Heinz („Ich bin dann mal weg“) den Prozess einer Radikalisierung in einer polarisierten politischen Gegenwart nach. Die Regisseurin, die in den 90er-Jahren selbst in der Antifa-Szene aktiv war, erzählt ihre Geschichte mit einem profunden Insiderwissen um die Widersprüche, aber auch mit einer solidarischen Grundhaltung gegenüber den jungen Menschen, die sich entschieden gegen Rechtsradikalismus einsetzen.

Ihr Film legt in der zwanzigjährigen Luisa ein vielfältiges Geflecht an widerstrebenden Emotionen frei, zu denen neben der Empörung über den Rechtsruck, auch die Macht der Gruppendynamik, romantische Gefühle, die weibliche Identität und der Prozess des Erwachsenwerdens gehören. Trotzdem verliert von Heinz nie die politische Dimension ihres Sujets aus den Augen. Unmissverständlich macht das Werk klar, dass Populismus und Rechtsradikalismus in Deutschland viel zu wenig entgegen gesetzt wird – sowohl vom Staat als auch von der Zivilgesellschaft. Der Film stellt an uns alle die Frage, wie ernst wir es meinen mit dem Modell der „wehrhaften Demokratie“, die von AFD, Reichsbürgern und Neonazis zunehmend unterminiert wird.

D/F 2020, 111 Min., Camera Zwo (Sb); Regie: Julia Heinz.; Buch: Heinz, John Quester; Kamera: Daniela Kapp; Musik: Neonschwarz; Besetzung: Mala Emde, Noah Saavedra, Tonio Schneider, Luise-Céline Gaffron.