„Lieber Antoine als gar keinen Ärger“ von Pierre Salvadori - mit Trailer

Ein herrlich unkonventioneller Film : Ein vermeintlicher Held wird entzaubert

✮✮✮✮ „Lieber Antoine als gar keinen Ärger“ von Pierre Salvadori ist rundum gelungen.

Jean Santi war der beste Polizist der Stadt, deshalb wird ihm zwei Jahre nach seinem Tod im Dienst nun ein Denkmal gewidmet. Für seinen kleinen Sohn ist Santi ein gewaltiger Held, lebendig in den spannenden Gute-Nacht-Geschichten, die Mama abends erzählt. Yvonne, die auch bei der Polizei arbeitet, muss ihren Blick auf den Mythos Santi revidieren, als sie erfährt, dass ihr Ehemann korrupt war und seinetwegen der Goldschmied Antoine unschuldig ins Gefängnis musste.

Der Zufall will es auch, dass Antoine dieser Tage wieder frei kommt. Heimlich nimmt Yvonne den Mann unter Beobachtung, was nicht einfach ist, denn erstens ist Antoine verheiratet (Audrey Tautou), zweitens verwirrt und zunehmend verhaltensauffällig. Zusätzliches Störfeuer streut Polizeikollege Louis, der mit der Gefühlswucht eines Pennälers in Yvonne verliebt ist.

Liebesfilm, Psychostudie, Actionkracher, und alles betrachtet mit einem komödiantisch zwinkernden Auge. Das französische Kommerzkino hat keine Scheu vor Genrekomplikationen. Bei dieser bereits ein Jahr alten Produktion gibt es den Kniff, dass die Figuren zwar einerseits in den Klischees des Genres verankert sind, sich dann aber stets entgegen der Regeln verhalten. Die Hauptrolle spielt Adele Haenel, die mit 30 bereits mehrfach prämierter Filmstar ist. Haenel hat hypnotische Augen, ist sportlich, kann knallhart und bezaubernd weich sein.

Ihr Gegenüber als Antoine ist Pio Marmaï, der vor zwei Jahren in Cedric Klapischs „Der Wein und der Wind“ groß herauskam. Auch er hat ungewöhnliche Augen, die gleichermaßen wild und gierig, verängstigt und fassungslos blicken können. Antoines Rückkehr nach Hause, sein Gang durch den Garten, das wird man deshalb ebenso wenig vergessen wie seine wilde Prügelei vor einer Disco. Nicht vergessen wird man auch Yvonnes Geschichte, die zum fetzigen Funky-Score im Stil der 70er ihren Helden Santi mit jedem neuen Mal weiter entzaubert, bis vom Helden nichts mehr übrig bleibt.

Yvonnes Blickachsen hin zu den Männern lassen ebenso auflachen wie Antoines Überfall auf einen Juwelier im Lederdress aus dem SM-Club. Der Regiestil ist leicht, aber niemals leichtfertig. Irgendwie stimmt alles an diesem herrlich unkonventionellen Film. Nur der gewollt witzige deutsche Titel nervt. Aber dafür kann der Film nun wirklich nichts.

Frankreich 2018, 108 Min., Camera Zwo (Sb); Regie und Buch: Pierre Salvadori; Kamera: Julien Poupard; Musik: Camille Bazbaz; Besetzung: Adèle Haenel, Pio Marmai, Audrey Tautou, Damien Bonnard.

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