Kritik zu "Lara" von Jan-Ole Gerster - mit Trailer

Tom Schilling in sehr konzentrierter Performance : Zeitlos schön und einfach nur großartig

„Lara“ von Jan-Ole Gerster: Berliner Nouvelle Vague mit Corinna Harfouch.

Kann es wirklich sein, dass die Welt an diesem Morgen noch trüber als sonst aussieht? Lara Jenkins jedenfalls erweckt diesen Eindruck, und als sie vor dem offenen Fenster steht und über die Stadt hinaus schaut, blitzt für einen Moment die Gewissheit auf – diese Frau springt gleich in die Tiefe. Ganz so einfach aber wird dieser Tag, an dem Lara 60 Jahre alt wird, nicht verlaufen für eine der schillerndsten Protagonistinnen des jüngeren deutschen Kinos.

Lara hat einen erwachsenen Sohn (Tom Schilling in sehr konzentrierter Performance), der heute Abend sein erstes großes Klavierkonzert bestreiten wird. Darüber ist Lara sehr stolz, und aus diesem Grunde kauft sie alle verbliebenen Eintrittskarten auf. Nun macht sie sich auf den Weg, gönnt sich hier etwas, kauft sich dort etwas, sucht Leute auf, verteilt Einladungen, und doch stimmt etwas nicht. Warum bloß schaut diese Frau so freudlos in die Welt?

Geheimnisvoll eröffnet damit ein Roadmovie durch die Straßen von Berlin, eine Struktur, die Jan Ole Gerster schon in seinem ersten Film „Oh Boy“ nutzte. Jetzt ist Gerster nicht mehr der Regiedebütant aus dem Nirgendwo, und er hat das Drehbuch eines anderen verfilmt. Trotzdem ist es sein eigener Film, im Blick auf die Figuren und in der Art, sie in Szene zu setzen. „Oh Boy“ erzählte von einem Leben als Scherbenhaufen und einer Tasse Kaffee als rettendem Anker vor dem Wahnsinn. Berliner Nouvelle Vague in Schwarzweiß. Auch Lara treibt durchs Diffuse. Die Karriere als Pianistin tauschte sie gegen eine Beamtenlaufbahn ein, ihre Familie zerfiel, das Leben mündete in Einsamkeit.

Kameramann Frank Griebe setzt auf strenge, halbtotale Kompositionen, mit denen sich die Heldin den jeweils neuen Handlungsstationen nähert. Es gibt keine Primärfarben, aber alle Töne sind kräftig, weshalb der Film einen sehr modernen, attraktiven Look hat und immer noch Berliner Nouvelle Vague darstellt. Nur jetzt eben mehr Godard als Truffaut. Das Zentrum ist Corinna Harfouch, so zeitlos schön wie Isabelle Huppert. Harfouch verkörpert ihre Rolle mit einer gelassenen Selbstverständlichkeit, als ob ihre ganze Karriere zu keinem anderen Punkt hätte führen können. Sich darauf einzulassen ist das wahre Erlebnis in diesem Film, der keine Komödie ist, aber zu oft noch so tut, als er ob auch eine sein wollte. Und am Ende, mitten im offenen Schluss, schauen wir in Harfouchs Gesicht und – wie einst bei Greta Garbo – ist jede Regung der Welt darin lesbar.

Deutschland 2019, 98 Min.; Camera Zwo (Sb); Regie: Jan-Ole Gerster; Buch: Blaz Kutin; Kamera: Frank Griebe; Musik: Arash Safaian; Besetzung: Corinna Harfouch, Tom Schilling, Rainer Bock, Barbara Philipp.

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