Chronologie zum Finanzskandal um den LSVS: So kam alles ans Licht

Chronologie des Finanzskandals : Wie im Saarsport eine „Bombe“ ans Licht kam

Vor einem Jahr erfuhr die Öffentlichkeit vom Finanzskandal beim Landessportverband. Die SZ zeichnet nach, was davor geschah.

Seit genau einem Jahr hält der Finanzskandal im Landessportverband für das Saarland (LSVS) das gesamte Land in Atem. Die Aufarbeitung ist noch lange nicht abgeschlossen, immer neue Details kommen ans Licht. Die SZ arbeitet die Ereignisse in einer Serie auf – und startet mit einer Chronologie bis zur ersten Veröffentlichung über ein Haushaltsloch beim LSVS am 15. Dezember des vergangenen Jahres.

Ende Oktober 2017: Die Saar-Uni meldet sich beim LSVS und mahnt unbezahlte Rechnungen an. Der Verband schuldet der Hochschule für die Jahre 2015 und 2016 etwa 500 000 Euro an Energie- und Heizkosten. Der LSVS überweist monatlich 20 000 Euro – obwohl 38 000 Euro vereinbart sind. Lange ist das nicht aufgefallen. „Die Uni hat sich mit dem Betrag zufrieden gegeben“, wird eine LSVS-Angestellte im Untersuchungsausschuss des Landtags zum Finanzskandal berichten. Hauptgeschäftsführer Paul Hans habe ihr den Auftrag erteilt, den Abschlag zu reduzieren. Eine Kollegin sagt zum Kontostand des Verbandes: „In den letzten Jahren waren wir immer knapp mit dem Geld.“

20. November 2017: Innen- und Sportminister Klaus Bouillon (CDU) feiert in der Mensa der Hermann-Neuberger-Sportschule seinen 70. Geburtstag – nach Angaben von Teilnehmern mit 200 bis 300 Gästen. Der Bundesinnenminister gratuliert in einer Videobotschaft. Bouillon hat im Januar den Vorsitz der Sportministerkonferenz der Länder übernommen, er will auf höchster Ebene die Spitzensportreform voranbringen. Im Saarland hat er eine „Sportoffensive“ angekündigt. Als Minister führt der Unionspolitiker die Rechtsaufsicht über den LSVS. Die Verbandsspitze hat sich vor der Geburtstagsfeier „einstimmig einverstanden“ gezeigt, „die Kosten für die Dienstleistungen und die Getränke“ zu übernehmen. So steht es in einem Sitzungsprotokoll. Bouillon erklärt, das abgelehnt zu haben.

29. November 2017: Die offenen Stromrechnungen bei der Uni haben die Verantwortlichen auf den Plan gerufen. Was jetzt geschieht, ergibt sich lückenlos aus internen Aufzeichnungen – die jedoch nur eine Version wiedergeben: die des LSVS-Präsidenten Klaus Meiser und der Hauptgeschäftsführung um Karin Becker, die den erkrankten Hans vertritt. Den Protokollen zufolge stoßen sie auf „Unstimmigkeiten“ im Haushaltsplan, den Hans für 2018 erstellt hat – unter anderem soll ein Zuschuss in Höhe von 550 000 Euro doppelt als Einnahme aufgeführt sein. Am 29. November 2017 informiert Meiser den Saartoto-Geschäftsführer Peter Jacoby über die finanziellen Probleme des LSVS. Der LSVS ist zu drei Siebtel an Saartoto beteiligt. Das gesetzlich verankerte Sportachtel, das dem LSVS 12,5 Prozent der Umsätze von Saartoto (jährlich etwa 12,5 bis 14,0 Millionen Euro) garantiert, bildet das finanzielle Rückgrat des LSVS. Einen Tag später wendet Meiser sich nach Auskunft des Innenministeriums an Minister Bouillon. „Das kam wie eine Bombe“, wird Bouillon später im Untersuchungsausschuss aussagen.

4. Dezember: Das Präsidium des LSVS trifft sich zu einer Sitzung an der Hermann-Neuberger-Sportschule und bespricht die Situation. Im Vorfeld sitzen Meiser und Becker mit mehreren Anwälten zusammen, um die weitere Vorgehensweise zu besprechen. Dabei geht es vor allem um den Umgang mit Hauptgeschäftsführer Hans, der für die finanziellen Probleme verantwortlich sein soll. Mit von der Partie ist bei allen Terminen auch Landtagsdirektor Christoph Zeyer (CDU), mit dem LSVS-Präsident Meiser in seiner Funktion als Landtagspräsident eng zusammenarbeitet. Das Präsidium hört, was zu diesem Zeitpunkt bekannt ist: Beim LSVS klafft ein Haushaltsloch, ein Millionen-Baukredit und die Einnahmen aus einem Immobiliendeal sollen darin verschwunden sein. Hat sich jemand strafbar gemacht? Einer der Anwälte schlägt in der Sitzung vor, zuerst selbst aufzuarbeiten, was mit dem Geld passiert ist. Laut Protokoll, das unserer Zeitung vorliegt, stellt Klaus Meiser auch einen „Maßnahmenkatalog“ vor. Darin heißt es unter anderem: „Sollten die Haushaltsmittel nicht ausreichen, kann ab 2019 auf die Vereinbarungen des Koalitionsvertrages zurückgegriffen werden.“ Im Klartext: Der Steuerzahler soll für den LSVS aufkommen. CDU und SPD hatten sich 2017 nach der Landtagswahl darauf verständigt, „den Saarsport finanziell abzusichern“ – allerdings nur, falls nach dem Auslaufen des Glücksspielstaatsvertrages die Totogelder gefährdet sein sollten.

Anfang/Mitte Dezember: Wann erfährt die damalige Ministerpräsidentin Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU) von den Finanzproblemen? „Kurz bevor das in der Öffentlichkeit dargelegt worden ist“, erklärt sie im Untersuchungsausschuss. Meiser habe sie angerufen, um einen Termin gebeten. An das Datum erinnert sich die Politikerin nicht mehr, sie entschuldigt das mit der „ziemlich unübersichtlichen Situation mit vielen anderen Verpflichtungen auch in Berlin“. Nach ihrem Gespräch mit Meiser setzt Kramp-Karrenbauer den Chef ihrer Staatskanzlei in Kenntnis. Nun ist das Thema auf höchster Regierungsebene angekommen. Ein internes Dokument des LSVS legt zeitlich einen anderen Ablauf nahe. Am 4. Dezember hat Meiser im Präsidium aufgezählt, wen er bisher informiert habe. Im Protokoll steht unter „Dienstag, 28.11.2017“: „Gespräch von Klaus Meiser mit Klaus Bouillon und Annegret Kramp-Karrenbauer und Absprache, wann die Aufsichtsbehörde informiert wird.“

8. Dezember: Die Sportredaktion der Saarbrücker Zeitung erhält einen Hinweis, dass im Saarsport bald eine Bombe platzen werde – ohne konkrete Details. Nun beginnen die Recherchen, nach wenigen Tagen gibt es Anhaltspunkte für finanzielle Ungereimtheiten beim LSVS.

12. Dezember: LSVS-Präsident Klaus Meiser meldet sich überraschend in der SZ-Sportredaktion und bittet um ein informelles Treffen. Er schlägt den 16. Dezember vor. Auf die Frage, ob es dabei auch um die finanzielle Situation des LSVS gehen werde, antwortet er ausweichend.

13. Dezember: LSVS-Präsident Meiser lädt den Gesamtvorstand des LSVS (die Präsidenten aller dem LSVS angehörigen Sportfachverbände und der kooptierten Mitglieder) zu einer außerordentlichen Vorstandssitzung am 18. Dezember ein. Dazu hätten ihn „die jüngsten Erkenntnisse zur Finanzsituation des LSVS“ veranlasst.

14. Dezember: Der SZ-Sportredaktion erhält am Abend konkrete Informationen, dass beim LSVS ein Finanzloch in Höhe von fünf Millionen Euro bestehen soll.

15. Dezember: Die SZ-Sportredaktion beschließt, mit der Geschichte an die Öffentlichkeit zu gehen. Gegen 13.40 Uhr kontaktiert die SZ den LSVS-Präsidenten Meiser telefonisch, informiert über ihr Vorhaben und bittet um eine Stellungnahme. Mit Verweis auf einen privaten Termin, der um 14 Uhr beginnt, bittet Meiser um die Zusendung der Fragen per E-Mail. Die E-Mail geht um 13.56 Uhr raus, auf eine weitere Bitte um 14.11 Uhr auch an Landtagsdirektor Zeyer. Während die SZ auf die Antworten wartet, fährt Meiser nach dem Termin mit seinem Vorgänger Gerd Meyer an die Sportschule und gibt dem Saarländischen Rundfunk (SR) ein Interview. In diesem Interview benennt Meiser den Hauptgeschäftsführer Hans als Hauptschuldigen für die finanziellen Probleme des LSVS. Hans habe verschwiegen, dass der LSVS seit Jahren mehr Geld ausgeben hat, als er zur Verfügung hatte. Erstmals ist öffentlich von einem möglichen Defizit von bis zu fünf Millionen Euro die Rede. Die SZ erfährt von Meisers Termin mit dem SR und veröffentlicht um 17.19 Uhr, in etwa zeitgleich zum SR, online ihre Recherchen zum LSVS-Skandal. Nach einem erneuten Telefonat mit Zeyer sendet André Forsch, Assistent der Geschäftsführung des LSVS, der SZ um 17.42 Uhr per E-Mail die Antworten zu dem Fragenkatalog zu (siehe auch untenstehenden Text).

16. Dezember: Die gedruckte SZ erscheint mit den Schlagzeilen: „Finanz-Skandal erschüttert Saarsport“ und „Die Welt des Saarsports gerät aus den Fugen“.

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