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Leo Kornburst erhält Ehrenbürger-Urkunde von St. Wendel

Ehrung : „Ich bleibe so ruhig wie ich immer war“

Leo Kornbrust ist ein stiller Botschafter der Stadt, seine Skulpturen zeugen von Frieden. Er ist St. Wendels sechster Ehrenbürger. Die entsprechende Urkunde wurde ihm jetzt verliehen.

Er lächelt, seine Augen blitzen verschmitzt hinter der Brille hervor. Gleichzeitig zeichnet sich eine gewisse Rührung in dem Gesicht des 89-Jährigen ab. Leo Kornbrust hat soeben jene Urkunde aus den Händen des St. Wendeler Bürgermeisters Peter Klär (CDU) erhalten, die ihm die Ehrenbürgerrechte verleiht. „Oh la, la“, sagt der Künstler und blickt zunächst nachdenklich auf den Text, den das kostbare, gerahmte Schriftstück ziert. Die Gäste, die an diesem Tag in sein Heim, die Damra, gekommen sind, um den besonderen Moment mit ihm zu teilen, klatschen. Da schaut der Künstler auf, sagt bescheiden „Danke“. Der nachdenkliche Ausdruck auf seinem Gesicht löst sich, und da ist wieder dieses verschmitzte Lächeln, als er sagt: „Jetzt müssen wir ein Schnäpschen trinken.“ Statt Hochprozentigem wird Crémant gereicht, auch eine Kaffeetafel ist gedeckt.

Zur Rechten des Künstlers soll an diesem Tag der St. Wendeler Rathauschef Platz nehmen. Mit ihm gerät Leo Kornbrust gleich ins Plaudern. Er erkundigt sich nach den anderen Ehrenbürgern der Stadt St. Wendel. „Erstmals“, so erläutert Klär, „wurde die Ehrenbürgerschaft 1869 verliehen“. Und zwar an einen General. Nach ihm wurde diese Wertschätzung noch vier weiteren Menschen zuteil – aus Verwaltung, Kirche oder Politik. Leo Kornbrust ist St. Wendels sechster Ehrenbürger; der erste Künstler, der diese Wertschätzung erfährt.

„Du bist ein Kosmopolit, der aus der Stadt St. Wendel heraus für den Frieden gewirkt hat“, sagt Klär. Und so sei die Straße der Skulpturen nur ein Grund dafür gewesen, dass sich der Stadtrat einstimmig dafür ausgesprochen habe, die Ehrenbürgerrechte zu verleihen.

Der 1878 im heutigen Slupsk (Polen) geborene Bildhauer Otto Freundlich hatte in den 1930er-Jahren die Vision einer Straße des Friedens, begehbare Skulpturen sollten als Treffpunkte dienen. Die Nationalsozialisten stempelten Freundlich als entarteten Künstler ab, 1943 starb er in einem Konzentrationslager. Seine Vision aber lebte weiter und wurde von Leo Kornbrust weiter entwickelt. Die Skulpturenstraße bei Balterweiler widmete er dem verstorbenen Künstler, gründete 2004 den Verein Straße des Friedens. Eine Achse mit Kunstwerken sollte von Norden nach Süden, eine andere von Moskau nach Paris führen. Mit Russlands Hauptstadt verbindet Leo Kornbrust eine interessante Anekdote. Als er dort 2009 ein Pyramide setzen wollte, hatte er „eine wunderbare Begegnung“, wie er sagt. Während er auf die Ankunft seines Werkes wartete, habe ihn ein Mann angesprochen. Wie sich herausstellte, war es ein St. Wendeler Geschäftsmann.

Leo Kornbrust fühlt sich mit der kompletten Kreisstadt verbunden. Sein liebster Ort jedoch ist die „Damra“. Sein Zuhause am Fuße der Skulpturenstraße. Hier wurde er geboren. „Hier möchte ich auch sterben“, sagt der Bildhauer, der am 31. August 90 Jahre alt wird. Das Atelier am Haus wurde umgestaltet, das Dach verkürzt, Glas gibt den Blick ins Innere frei. „Ich möchte meine Arbeiten bei mir haben“, sagt Kornbrust und deutet auf den noch leeren Raum. Seit einem Schlaganfall 2013 kann der Bildhauer nicht mehr arbeiten, hat er keine Kontrolle mehr über die rechte Hand. Seine Bronzearbeiten, die derzeit noch in  Alsfassen untergebracht sind, sollen in dem Atelier ihren Platz finden. Seine Skulpturen aus Stein möchte er im Garten platzieren. „Manchmal“, so sagt er leise, „schaue ich mir Kataloge an und bin selbst überrascht, wo überall Werke von mir stehen.“

Leo Kornbrust hat gut lachen: Er ist St. Wendels neuer Ehrenbürger. Foto: B&K/Bonenberger/

So auch in der bayerischen Hauptstadt.  Von 1978 bis 1993 war Leo Kornbrust als Professor an der Akademie der Bildenden Künste in München tätig, zuletzt als Prorektor. „Ich bin noch ein Münchner“, gesteht Kornbrust. Doch ganz gleich, wo er arbeitete, es zog ihn immer wieder zurück zur Damra. Jenes verträumte Haus inmitten der Natur, in dem so viele Ideen geboren und verwirklicht wurden. Leo Kornbrust blickt auf eine Postkarte. Mit Tusche hat Künstlerfreund Bertrand Ney, der auch zum Verein der Straße des Friedens gehört, den Entwurf einer Skulptur gezeichnet. Der Form eines Flaschenhalses ähnelnd, wirkt sie wie ein Turm. „Sie könnte klein oder auch größer realisiert werden“, sagt Ney. Doch Leo Kornbrust wünscht sie sich fast schon monumental, begehbar, mit Aussichtsplattform. Und stehen soll sie an der Grenze zwischen der Ukraine und Russland. Ja, er lässt ihn niemals los – der Gedanke an die Straße des Friedens. Der Künstler schaut auf die Fotos zahlreicher Skulpturen, die eine Wand zieren, und lächelt. „Ich bleibe so schön ruhig wie ich immer war“ – auch wenn er jetzt St. Wendels Ehrenbürger ist.