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Allein ist es für viele zu gefährlich

Allein ist es für viele zu gefährlich

Neunkirchen. Die Ampel unterhalb der Bildstocker Straße springt auf Grün, vier Elektro-Rollstühle setzen sich in Bewegung. Einer nach dem anderen rollen sie über den abgesenkten Bordsteinbereich auf die Straße - da wechselt die Ampel wieder auf Rot

 Fahrstuhltüren sind wie hier oft nicht breit genug für Menschen, die im Rollstuhl sitzen.
Fahrstuhltüren sind wie hier oft nicht breit genug für Menschen, die im Rollstuhl sitzen.
Allein ist es für viele zu gefährlich
 Abgesenkte Bordsteine erleichtern das Überqueren der Straße.
Abgesenkte Bordsteine erleichtern das Überqueren der Straße.

Neunkirchen. Die Ampel unterhalb der Bildstocker Straße springt auf Grün, vier Elektro-Rollstühle setzen sich in Bewegung. Einer nach dem anderen rollen sie über den abgesenkten Bordsteinbereich auf die Straße - da wechselt die Ampel wieder auf Rot. Hektik kommt auf, Jennifer Bungert, Janine Leconte, Thomas Leidinger und Volker Goldschmidt sind jetzt auf die Rücksicht der Autofahrer angewiesen. Die vier Rollstuhlfahrer müssen diese Straße überqueren, wenn sie in die Neunkircher Innenstadt wollen, sie leben in der Wohnanlage am Hüttenpark der Reha GmbH. "Die Bewohner sollen möglichst vieles selbstständig machen", so Volker Konter. Der 51-Jährige ist der Leiter der Wohnanlage und will lieber nicht riskieren, dass etwas schief geht. Zusammen mit dem Heilerziehungspfleger Marc Hoffmann begleitet er die Gruppe. Heute stehen ein Arzttermin auf dem Programm, Bankgeschäfte müssen erledigt werden, ein Besuch im Saarpark-Center ist geplant. Nach der Straßenüberquerung geht es bergab in Richtung Innenstadt. Auf Höhe der Stummschen Reithalle am Wasserturm ist es glatt, die Rollstühle verlieren mehrfach die Bodenhaftung und geraten auf dem schmalen Gehsteig ins Rutschen. "Mir ist es immer lieber, wenn ein Begleitung dabei ist", sagt die 21-jährige Jennifer daraufhin. "Ich habe Angst davor, dass mir ganz allein etwas zustoßen könnte, obwohl viele Menschen oft sehr hilfsbereit sind." Flügeltüren aus Glas am Eingang des Saarpark-Centers oder sehr schmale Türen am Aufzug der Praxisgemeinschaft an der Bliespromenade stellen sich schnell als Herausforderungen dar, die allein im Rolli nur schwer zu meistern sind. Viele der Bewohner der Anlage am Hüttenpark trauen sich daher nicht zu, völlig selbstständig in Neunkirchen zurechtzukommen. Für eine Stadt, in der mit rund 11 500 Menschen etwa 23 Prozent der Einwohner mit einer körperlicher Beeinträchtigung leben (siehe Infografik), ein problematisches Zeugnis. Bürgermeister Jürgen Fried sieht die Belange von Menschen mit Behinderung dagegen gut berücksichtigt und sagt: "Von Seiten der Stadt wird viel getan, um den öffentlichen Raum barrierefrei zu gestalten." In Neunkirchen gebe es mit Michael Müller auch einen Behindertenbeaufragten, als Ansprechpartner und Interessensvertreter von Bürgern mit Behinderung. Er prüfe städtische Bauvorhaben und weise im Sinne des Gleichstellungsgesetzes auf erforderliche Maßnahmen hin, so der Bürgermeister. Dass dabei der Austausch mit den Betroffenen gesucht wird, kann Volker Konter jedoch nicht bestätigen: "Dass nicht die ganze Stadt behindertengerecht gebaut werden kann ist klar, viele Versprechen sind allerdings nicht eingehalten worden." So seien laut Konter etwa am Busbahnhof der Innenstadt größere Parkplätze zugesagt, aber bis heute nicht eingerichtet worden. Und laut einer Vorstellung der Pläne für das neue Schwimmbad könne eine behindertgerechte Ausstattung aus Kostengründen wohl nicht berücksichtigt werden, berichtet Konter. Doch die vier Rollstuhlfahrer bescheinigen Neunkirchen trotz der Hürden des Tages, "dass es viele Städte gibt, in denen die Situation schlechter ist als hier". Heilerziehungspfleger Marc Hoffmann bringt auf den Punkt, was die meisten Bewohner der Wohnanlage am Hüttenpark täglich erleben: "Viele, auch kleine Hindernisse nimmt man eben erst wahr, wenn man selbst betroffen ist." "Viele Hindernisse nimmt man nur als Betroffener wahr." Marc Hoffmann, Heilerziehungspfleger