„Wir müssen Eltern für Weiterbildung gewinnen“

Das Saarland muss dauerhaft besser sein als andere Bundesländer, wenn die Eigenständigkeit erhalten bleiben soll, sagt Bildungsminister Ulrich Commerçon (SPD). SZ-Redakteurin Ilka Desgranges sprach mit ihm darüber, welchen Beitrag Weiterbildung dazu leisten kann.

Herr Minister Commerçon, wie schätzen Sie den Wert von Weiterbildung ein?

Commerçon: Es sind dabei zwei Dinge von besonderer Bedeutung, Das eine ist die Wettbewerbsposition, in der das Saarland sich befindet. Für mich als Bildungsminister gibt es dann noch das Argument, dass es nicht nur ein Grundrecht auf Bildung gibt, sondern auch ein Grundrecht auf Weiterbildung für alle Menschen. Das ist eine gesellschaftspolitische Frage, gerade unter dem Aspekt der Teilhabe. Durch Weiterbildung versetzen sich Menschen selbst in die Lage, am demokratischen Gemeinwesen teilzunehmen.

Es gibt ja viele Menschen, die sich gar nicht weiterbilden wollen, für die das eher eine unangenehme Pflicht ist. Woher kommt das?

Commerçon: Was mit Veränderungen zu tun hat, hat auch etwas mit Ängsten zu tun. Deshalb ist mir auch ganz besonders wichtig, dass wir das Thema Grundbildung im Rahmen der Weiterbildung diskutieren. Jeder Siebte in Deutschland gilt als funktionaler Analphabet, und das sind dann nicht nur Migranten, die erst spät hierhergekommen sind.

Im Saarland wird im Vergleich zu anderen Bundesländern Weiterbildung stärker gefördert. Aus welchem Grund?

Commerçon: Wir haben keine großen Unternehmenszentralen im Land, die von sich aus sehr stark auf Fortbildung abzielen. Zum anderen ist es auch eine Wettbewerbsfrage. Der Strukturwandel im Saarland ist noch nicht abgeschlossen. Gerade eine so industrielastige Gegend wie das Saarland ist besonders betroffen. Der zweite Grund: Wir müssen im Saarland dauerhaft besser werden als andere, wenn wir die Eigenständigkeit des Landes bewahren wollen. Und das können wir nur, indem wir die Menschen weiterqualifizieren.

Ein gutes Angebot reicht nicht aus, wenn Menschen sich nicht weiterbilden wollen. Müssen Sie auch etwas für die Motivation tun?

Commerçon: Wir müssen im Bereich der Grundbildung etwas für die Motivation tun. Deswegen haben wir ja bundesweit einzigartig einen Grundbildungspakt geschlossen. Wir haben alle Wirtschaftspartner mit im Boot: von den Gewerkschaften bis zu den Kammern, von den Arbeitgeberverbänden bis zur Arbeitskammer und natürlich auch die Weiterbildungsinstitute selbst, die Volkshochschulen und so weiter. Es geht dabei nicht darum, dass wir Menschen beibringen, ihren Namen zu schreiben. Sie müssen zusammenhängende Texte verstehen können. Dazu müssen wir Angebote schaffen, die so anonymisiert sind, dass die Menschen keine Angst davor haben müssen.

Das klingt jetzt so, als wäre die Grundbildung in den Betrieben dazu da, Kulturtechniken zu vermitteln, die man eigentlich in der Schule lernen muss.

Commerçon: Das ist zu hart formuliert, weil man Kulturtechniken nicht einmal lernt und dann konservieren muss. Kulturtechniken verändern sich. Die Anforderungen in den Betrieben sind mittlerweile komplexer. Das fängt bei den technischen Geräten an und führt dahin, dass vieles in Englisch gelesen werden muss, das nicht gelernt worden ist.

Für Gesundheit wird sehr offensiv geworben. Wie ist das mit Weiterbildung?

Commerçon: Wir werben auch sehr offensiv. Wir müssen vermitteln, dass es nichts Schlimmes ist oder in irgendeiner Weise Verwerfliches. Oft haben bestimmte Lebenssituationen dazu geführt, dass man bestimmte Kulturtechniken nicht beherrscht. Wir müssen es wegnehmen von einer persönlichen Schuldfrage.

Gibt es Bereiche, in denen Sie Weiterbildung für besonders wichtig halten?

Commerçon: Eltern müssen wir stärker für die Weiterbildung einnehmen, etwa durch die Elternschule. Gerade Eltern aus bildungsfernen Schichten müssen wir qualifizieren. Wir machen das als Bildungsministerium, obwohl wir gar nicht für die Eltern zuständig sind, sondern für die Schülerinnen und Schüler. Es geht dabei um die Verbesserung des Lernumfeldes.

Was fällt Ihnen zum Stichwort "lebenslanges Lernen" ein?

Commerçon: Das halte ich für einen seltsamen Begriff, der nach "lebenslänglich" klingt und nach Strafe. Vielleicht wäre "lebensbegleitendes Lernen" besser.

Wie bilden Sie sich weiter?

Commerçon: Sozusagen jeden Tag rund um die Uhr. Ich bin sehr froh, dass ich neben der Bildung auch die Kultur in meinem Zuständigkeitsbereich habe. Es ist immer sehr erhellend, durch Museen zu gehen, mit Künstlern zu sprechen und sich mit Positionen auseinanderzusetzen, die man nicht täglich hört. Und natürlich, in dem ich jeden Tag vor dem Schlafengehen lese. Das Buch ist ein ganz wichtiges Weiterbildungsinstrument.

Und was würden Sie gerne unbedingt noch lernen?

Commerçon: Ich würde so gerne singen können.

Zum Thema:

Auf einen BlickDie Saarbrücker Zeitung beleuchtet in ihrer neuen Serie unterschiedliche Facetten der Weiterbildung im Saarland. Wir stellen Angebote vor, sprechen mit Betroffenen und geben eine ganze Reihe praktischer Tipps. Die einzelnen Beiträge erscheinen - in aller Regel freitags - in den Lokalteilen der SZ. Vorgesehen sind folgende Themenkomplexe: Teil 1 (bereits erschienen): Das Saarland setzt Akzente (Interview mit Wirtschaftsminister Heiko Maas).Teil 2 (bereits erschienen): Lernen im Grünen: das Bildungszentrum der Arbeitskammer Heute Teil 3: Das Recht auf Weiterbildung (Interview mit Bildungsminister Ulrich Commerçon) Teil 4: Erfolgreiche private Alternative: das Festo-Lernzentrum Teil 5: Die Meister-Ausbildung in den Handwerksberufen Teil 6: Die IHK tut viel (Gespräch mit Richard Weber und Volker Giersch) Teil 7: Die Volkshochschulen: Experten für Vielfalt Teil 8: Der Arbeitsmarkt braucht qualifizierte Kräfte (Interview mit dem Chef der Agentur für Arbeit im Saarland, Jürgen Haßdenteufel) Teil 9: CEB - Bildung auf Basis christlicher Werte Teil 10: Die Uni denkt weiter: Fortbildung für die Industrie (Gespräch mit dem Vizepräsidenten für Lehre und Studium, Professor Manfred J. Schmitt). red saarbruecker-zeitung.de/fortbildung