Sie helfen, wenn Streit eskaliert

„Das Leben ist zu kostbar, um es mit Groll zu vergellen. Und ein Gerichtsverfahren bedeutet immer eine weitere Eskalation des Streits“, sagt Schiedsfrau Isolde Böttcher – und erklärt damit auch, warum sie ehrenamtliche Schlichterin geworden ist.

Diskussionen um die Position des Gartenzauns oder die Äste des Baumes, die ins Nachbargrundstück ragen - solche Streitigkeiten gehören zu den typischen Fällen, mit denen sich Schiedspersonen befassen. Sie sind amtlich eingesetzte Schlichter, die zwischen zwei Konfliktparteien vermitteln.

Aber sie haben noch ganz andere Aufgaben, erklärt Schiedsfrau Isolde Böttcher. "Was viele nicht wissen ist, dass sie auch dann zu einer Schiedsperson kommen können, wenn sie keinen Streit haben", so die 61-Jährige. Das geht zum Beispiel, wenn zwei Nachbarn oder Bekannte eine Vereinbarung treffen und sicher gehen wollen, dass sie sich auch in zehn Jahren noch daran halten. Bei der Schiedsperson wird dafür gegen eine Gebühr von 15 Euro ein Text aufgesetzt, der rechtsgültig ist.

Der Vorteil: Verstößt einer der beiden gegen die Vereinbarung, kann der andere beim Amtsgericht sofort die Vollstreckung beantragen - und zwar 30 Jahre lang. Bei einem privaten Vertrag müsste die Angelegenheit zuerst mit einem Anwalt vor Gericht.

Aber Böttcher ist auch da, wenn das Kind bereits in den Brunnen gefallen ist. Ein Klarenthaler ärgert sich zum Beispiel über das rücksichtslose Verhalten eines Nachbarn, ein anderer ist mit der Leistung seines Handwerkers unzufrieden. Böttchers Motivation dabei: "Da ich vier Kinder habe, weiß ich, wie schön und wie wichtig es ist, in einem harmonischen Umfeld zu leben. Und dazu möchte ich beitragen."

Sie bringt die Streithähne bei sich zu Hause an einen Tisch. "Aber ich fälle keine Entscheidungen", sagt Böttcher. Ihre Rolle sieht sie als Moderatorin: "Beide Parteien sollen das Angebot bekommen, die fremden Interessen zu verstehen." Die größte Angst, meint sie, sei die vor dem Gesichtsverlust. Man müsse daher einen geschützten Rahmen schaffen, in dem sich die Parteien mit Respekt begegnen. Deshalb unterliegt Böttcher auch der Schweigepflicht. Oft helfe es schon viel, wenn sie als neutrale Amtsperson Klarheit in die oft emotionalen Debatten bringe, sagt die ehemalige Lehrerin, die auch als freiberufliche Mediatorin tätig ist.

Am Ende steht meist ein Kompromiss, mit dem beide Parteien leben können. "Das ist auch gut so. Das Leben ist zu kostbar, um es mit Groll zu vergellen. Und ein Gerichtsverfahren bedeutet immer eine weitere Eskalation des Streits." Am 12. Mai wurde Böttcher vom Bezirksrat in ihrem Amt bestätigt. Seit 20 Jahren ist sie nun schon Schiedsfrau im Stadtteil Klarenthal.

Noch länger dabei ist Udo Müller. Der 72-jährige Schiedsmann von Jägersfreude und Herrensohr wird im Juli mit zwei anderen Schiedspersonen für seine 25-jährige ehrenamtliche Tätigkeit geehrt. Die Aufgaben der Schiedsperson hätten sich im Laufe der Jahre verändert, meint er. Während er früher noch häufig Beleidigungen oder Ohrfeigen geschlichtet hat, sind es heute hauptsächlich Nachbarschaftsstreitigkeiten.

Der Grund: "Viele gehen heute bei anderen Angelegenheiten sofort zur Polizei . Die leitet die Sache dann an die Staatsanwaltschaft weiter. Früher ging es zuerst zum Schiedsmann, der den Konflikt meist schon aus der Welt schaffen konnte." Bei Nachbarschaftsstreits ist der Schiedsversuch sogar Voraussetzung für ein Gerichtsverfahren. Müller will seine Tätigkeit noch eine Weile fortsetzen: "Um eine Amtszeit werde ich mich noch bewerben, aber dann ist es genug, schließlich bin ich nicht mehr der Jüngste." Danach habe er seine Bürgerpflicht getan, meint Müller. "Ich habe zwar auch einzelne negative Erfahrungen gemacht, aber ich kann dann zufrieden sagen, dass über die Jahre viele Menschen froh waren, dass ich da war."

Zum Thema:

Auf einen Blick Schiedspersonen sind Ehrenamtliche, die Streitigkeiten außergerichtlich regeln. Außerdem halten sie Vereinbarungen zwischen Personen rechtsgültig fest. In der Landeshauptstadt gibt es 16 Schiedspersonen, vier davon sind Frauen. Bewerben kann sich jeder über 25 Jahre ohne juristische Fachausbildung. Der vom jeweiligen Bezirksrat auf fünf Jahre gewählte Kandidat wird vom Amtsgericht vereidigt und ist dann Ansprechpartner für die Bewohner seines Stadtteils. Seine Tätigkeit regelt die Schiedsordnung. gs