Neue Höhenflüge nach der Bruchlandung

Weltmeister, dann ganz tief unten und jetzt wieder oben. Raphael Holzdeppe erlebt als Stabhochspringer nicht nur Höhenflüge, er musste auch hart dafür kämpfen, um im August bei der Leichtathletik-WM im „Vogelnest“ von Peking wieder abzuheben. Darüber sprach der Saarbrücker bei einem Sportforum.

Schon von Berufswegen her setzt Raphael Holzdeppe regelmäßig zum Höhenflug an. Ganz besonders im Jahr 2013. Mit gerade mal 23 Jahren sprang er bei der Leichtathletik-Weltmeisterschaft in Moskau auf den Thron der Stabhochsprung-Welt. 5,89 Meter im Finale, den französischen Olympiasieger und Weltrekordler Renaud Lavillenie geschlagen, WM-Goldmedaille - es war der Höhepunkt.

Der schwere Weg zurück

Doch danach war für den heute 26-Jährigen, der in Saarbrücken lebt und für den LAZ Zweibrücken startet, eben doch nicht alles Gold, was glänzt. Holzdeppe hat auch die Schattenseiten des Leistungssports kennen gelernt. Davon erzählt er kürzlich den 120 Gästen beim 10. Sparkassen-Sportforum des Landkreises Merzig-Wadern. Genauso wie vom schweren Weg zurück in die Weltklasse, der ihn am 24. August des Jahres zu neuen Gefühlshöhen führte - und zu Überraschungs-Silber bei der WM in Peking. Ganz wichtig dabei: sein Trainer Andrei Tivontchik.

"Andrei ist für mich immer der Ruhepol", betont Holzdeppe. Und genau diese Ruhe und Geborgenheit waren es, die dem Jugend-Weltrekordler in seinem Seuchenjahr 2014 fehlten. Er hatte das Gefühl für seinen Sport verloren und beendete, der Verzweiflung nahe, vorzeitig die Sommersaison.

Danach aber traf er eine Entscheidung, die sich als goldrichtig herausstellte. Nach zwei Jahren bei der Trainingsgruppe in München kehrte Holzdeppe zurück nach Zweibrücken - und fand mit Tivontchiks Hilfe seine Form wieder. "Andrei hat mir gesagt: Du musst dich beruhigen, darfst es nicht mehr mit der Brechstange versuchen." Bei der WM übersprang er im letzten Versuch 5,90 Meter und holte sich Silber.

"Im April hat es im Trainingslager Klick gemacht", berichtet Tivontchik, nachdem er mit seinem Schützling zuvor intensiv an Stabhaltung und Technik gearbeitet hatte. Jetzt funktionieren die Automatismen wieder - und die müssen im Stabhochsprung einfach sitzen: "Meine besten Versuche habe ich nur noch schemenhaft vor Augen", verrät Holzdeppe. "Wenn ich mich nicht an den Sprung erinnere, habe ich genau das abgerufen, was ich mir im Training erarbeitet habe." Quasi wie in Trance. Sobald er loslaufe, sehe er nur noch die Bahn. "Da könnte jemand von der Seite hineinlaufen, ich würde es nicht mal merken." Die entscheidende Phase setze beim Biegen des Stabs ein: "Dann bekommt der Körper direkt Rückmeldung, ob es was wird", sagt Holzdeppe. Das Verhalten danach, die Technik - alles automatisch.

Das Traumziel: die sechs Meter

Raphael Holzdeppe (r.) und Trainer Andrei Tivontchik (M.) gaben Einblicke über die Höhen und Tiefen einer Profi-Karriere. Fotos: Rup

Doch da ist noch mehr. "Sehr viel Adrenalin . Jeder Stabhochspringer steht auf Nervenkitzel. Für die letzten Zentimeter braucht man einfach den Hang zum Extremsport", sagt Holzdeppe. Neue Maßstäbe will er im Sommer in Rio setzen. "Ich habe natürlich den Traum, bei Olympia ganz oben zu stehen. Einen Traum konnte ich mir mit Bronze 2012 schon erfüllen. Diesmal will ich das Optimum rausholen", sagt er. Gleiches gilt mit Blick auf das andere wichtige Thema in Stabhochspringer-Kreisen: die sechs Meter. "Früher war mir der Sieg das wichtigste. So langsam regt es mich auf, dass ich die sechs Meter noch nicht gesprungen bin", verrät Holzdeppe, der mit 5,94 Meter im Juli beim Gewinn des deutschen Meister-Titels in Nürnberg Bestleistung sprang. Möglich sei das nur im Wettkampf: "Im Training fehlt mir dazu das Adrenalin ." Das wird an einem Abend im August 2016 im Stadion in Rio sicher anders sein - und es wäre der optimale Moment für Holzdeppes höchsten aller Höhenflüge.