Hilfe, wenn kein Arzt zu sprechen ist

Wohin, wenn mitten in der Nacht zum Sonntag die Schmerzen unerträglich werden, wenn die Luft wegbleibt oder der Kreislauf zusammenbricht. Da bleiben nur die Notaufnahme-Stationen der Kliniken.

Für den Notfall hat Sophie M. immer ein Asthmaspray zur Hand. Seit ihrer Kindheit leidet die 28-Jährige an Asthma. Ausgelöst wird ihre Atemnot durch Allergien gegen Gräser, Pollen und Hausstaubmilben. Als sie am Donnerstagabend wieder einmal schlecht Luft bekommt, greift die Saarbrückerin zu ihrem Spray. Doch das ist leer. Wo soll sie um 23 Uhr noch ein Neues herbekommen? Im Internet stößt die Studentin auf die zentrale Notaufnahme des Winterbergklinikums. Mit etwa 37 000 Notfallpatienten jährlich und sämtlichen medizinischen Fachgebieten ist sie die größte im Regionalverband, noch vor der Völklinger SHG-Klinik, die auf Herz-, Nieren- und Lungenerkrankungen spezialisiert ist - mit 25 000 Patienten . Sophie M. setzt sich also ans Steuer. Gut drei Stunden später ist sie wieder zu Hause - mit einem Asthmaspray.

Wie Sophie M. suchen viele im Regionalverband die Notaufnahme von Kliniken mit Problemen auf, die auch von einem Haus- oder Bereitschaftsarzt behandelt werden könnten. Dabei sind sie auch ein Kostenfaktor. Zwischen 32 und 35 Euro bekommen die Kliniken für einen Notfallpatienten , unabhängig von der Erkrankung. Genauso viel bekommt ein niedergelassener Arzt im Bereitschaftsdienst. Die Kliniken stellen dafür aber eine Infrastruktur zur Verfügung, die deutlich höhere Kosten verursacht. "Für tatsächliche Notfälle wie einen Schlaganfall oder einen Herzinfarkt nimmt man dieses Minus natürlich lieber in Kauf als für jemanden, der mit einem Insektenstich kommt", sagt Dr. Christian Braun, Ärztlicher Direktor des Klinikums auf dem Winterberg und Leiter der zentralen Notaufnahme. Er schätzt, dass rund 20 Prozent der Patienten ebenso gut von einem niedergelassenen Arzt behandelt werden könnten. "Das heißt aber nicht, dass die alle die Notaufnahme missbrauchen." Vielmehr seien die Patienten oft verunsichert.

Außerdem sei es ein Problem, dass viele die bundesweit einheitliche Rufnummer 116 117 des ärztlichen Bereitschaftsdienstes nicht kennen und das Krankenhaus als erste Anlaufstelle betrachten - meint Prof. Manfred Lutz, Ärztlicher Leiter der internistischen Notaufnahme der Caritasklinik St. Theresia. Die und die chirurgische Notaufnahme von St. Theresia haben jährlich etwa 18 000 Patienten , die entweder von selbst kommen oder vom Rettungswagen eingeliefert werden. Am Standort St. Josef in Dudweiler sind es 5000.

Im Regionalverband gibt es sieben Notaufnahmen. Auch das Evangelische Krankenhaus in Saarbrücken hat eine - mit jährlich 10 000 Notfallpatienten . Etwa 50 Prozent mehr sind es im Knappschaftskrankenhaus Püttlingen mit 14 683 Patienten im Jahr 2015 - und das trotz der nahen Völklinger Klinik. Ein möglicher Grund: In der Völklinger Klinik gibt es keine allgemeinchirurgische Notaufnahme mehr, so dass Patienten mit Kopfverletzungen, Blinddarmdurchbrüchen oder Prellungen vor allem nach Püttlingen kommen. Insgesamt wachsen die Zahlen von Jahr zu Jahr, berichten die Kliniken . Im Sulzbacher Knappschaftskrankenhaus zum Beispiel stehen 16 500 Patienten im Jahr 2015 bereits 9000 im ersten Halbjahr von 2016 gegenüber. Als Entlastung empfindet Manfred Lutz an Wochenenden und Feiertagen die Bereitschaftsdienstpraxis in St. Theresia. Seit zwölf Jahren besteht die Einrichtung der Kassenärztlichen Vereinigung, seit zwei Jahren gibt es sie auch auf dem Winterberg. Beide Kliniken wünschen sich eine Ausdehnung der Dienstzeiten der Bereitschaftsdienstpraxis übers Wochenende hinaus. Das dürfe allerdings nicht bedeuten, dass den Krankenhäusern dafür Geld gestrichen werde.