Ein Jahr lang Luther nonstop

Mit rund 800 Veranstaltungen begehen die evangelischen Christen im Saarland von Montag an das Reformationsjubiläum. Neben zentralen Gottesdiensten, Kunstprojekten und Vorträgen bieten vor allem die 76 Gemeinden ein üppig-vielfältiges Programm. Darunter auch Kurioses: In St. Ingbert etwa wird ökumenisches Bier gebraut.

Sein Terminkalender wird nicht reichen. Keinesfalls. "Am liebsten würde ich mir alles ansehen", geht Christian Weyer, Superintendent des Kirchenkreises Saar-West, Mund und Herz über. Doch selbst ihm, dem Vorsitzenden der Steuerungsgruppe zum Luther-Jahr im Saarland, kann dies nicht gelingen. Werden es doch rund 800 Veranstaltungen sein, vom kommenden Montag an bis 31. Oktober 2017; von Reformationstag zu Reformationstag also. "Platt" sei er, freut sich der evangelische Geistliche recht irdisch, was die Gemeinden alles auf die Beine gestellt hätten. Gottesdienste, Jugendtage, Mitsing-Konzerte, Theater, Diskussionen: Alles um 500 Jahre Reformation zu preisen. Am 31. Oktober 1517 soll Martin Luther nämlich 95 Thesen an die Schlosskirche zu Wittenberg genagelt haben. Hammerschläge mit welthistorischem Nachhall. Die Reformation führte nicht bloß zur Spaltung der Kirche in katholisch und evangelisch. Luthers Bibel-Übertragung ins Deutsche prägte Kultur und Bildung, und seine (Kirchen-)Kritik bestärkte all jene, die nicht länger bloß Untertanen sein wollten.

Auch das ist nun im "Luther-Jahr" mit im Spiel. Entsprechend facettenreich ist das Programm, bei dem im Saarland die Rheinische (der größere Teil) und Pfälzische Landeskirche (Raum Homburg und Blieskastel) Hand in Hand arbeiten. Knapp zwei Dutzend Großveranstaltungen strukturieren das Jubeljahr. Mit einem Festgottesdienst am Montag in der Protestantischen Stadtkirche in Homburg geht's los. Zum Abschluss, am 30. Oktober 2017, kommt man in der Saarbrücker Ludwigskirche zusammen, die bis dahin allerdings noch kräftig renoviert wird. Dass man dann übrigens einen Tag vor dem eigentlichen Reformationstag in die Ludwigskirche lädt, hat einen schlichten Grund. "Unsere Kirchenfürsten werden am Reformationstag 2017 alle bei der Zentralveranstaltung in Wittenberg sein", erklärt Weyer. Doch auch dies füge sich gut. So könne am 31. Oktober 2017, der im Saarland einmalig Feiertag ist, die Reformation in allen 76 Gemeinden hier gefeiert werden.

Und was ist noch im Programm? Etliche Kunstprojekte zum Beispiel. Das Saarbrücker Liquid Penguin Ensemble zeigt Ende April seine Performance "Der Fall Sola" - eine Auftragsarbeit für die bayrische Landeskirche. Hier wiederum hat man die Münchner "Urbanauten" engagiert. Zu ihrer Aktion "Aus der Kutte springen" (20. Mai) werden per Handy Menschen spontan an diverse Orte in Saarbrücken gelotst - zu Aktivitäten im Geiste Luthers.

Natürlich bekommt auch die Kirchenmusik ihren Platz. Diskussionen, Lesungen und Vorträge beleuchten zudem die Frage, was von den Reformations-Ideen auch künftig trägt. So wird die frühere EKD-Ratsvorsitzende und jetzige Luther-Botschafterin Margot Käßmann am 16. November bereits in der Saarbrücker Uni eine hochkarätig besetzte Ring-Vorlesung eröffnen. Unübersehbar werden auf jeden Fall die rund zwei Meter hohen, blauen Luther-Büsten sein, die vor jeder der 105 evangelischen Kirchen im Saarland postiert werden. Protestantische Eyecatcher.

Rund 350 000 Euro Gesamtetat stehen für all das bereit. 100 000 Euro kommen vom Land, 63 000 geben Sponsoren, "deutlich mehr als erhofft", freut sich Weyer. Den Rest steuern die Landeskirchen bei.

Parallel dazu haben sich auch die 76 Kirchengemeinden im Saarland ans Werk und viel Programm gemacht. So suchen manche auch nach anderen Orten als die Kirche, um mit Menschen ins Gespräch zu kommen. In Lebach hat man dazu etwa ein leer stehendes Geschäft angemietet. Und in St. Ingbert stößt man mit ökumenischem Bier an, berichtet Gisela Helwig-Meier. "St. Ingbert ist eine alte Brauerstadt", erklärt die Presbyterin. Dem geistigen Trank stellen die beiden St. Ingberter Gemeinden aber auch eine Diskussion mit Theologen gegenüber - exemplarisch für die enorme Spannbreite des Angebots.

Im Saarland wurde das Jubiläum seit drei Jahren intensiv vorbereitet. Das ließ sogar am Hauptsitz der Rheinischen Landeskirche in Düsseldorf neidvoll staunen, berichtet Superintendent Weyer. Das Jubiläum wirkt da auch wie eine große Mobilisierungsaktion für die rund 200 000 evangelischen Christen hierzulande. Vielleicht sogar das Wichtigste. "Es kann ja nicht sein, dass nach dem 31. Oktober 2017 alles vorbei ist", meint Weyer. Es gehe ja auch darum, welche Zukunft die Kirche hat. Insofern soll das Festjahr zwar Rückschau, vor allem jedoch ein Blick nach vorne sein.

Von Konzerten bis zu Luthers Kutte

Auszüge aus dem Programm zum Reformationsjahr im Saarland

31. Oktober 2016, 19 Uhr: Zentrale Reformationsfeier mit Eröffnung des Jubiläumsjahres in der Protestantischen Stadtkirche Homburg.

16. November 2016, 19 Uhr: Vortrag von Margot Käßmann in der Saarbrücker Uni-Aula.

Von 3. Februar bis 2. Juli 2017: Das Zeitungsmuseum Wadgassen zeigt die interaktive Ausstellung "Luther für Kinder".

14. April 2017, 19 Uhr: Bachs "Matthäuspassion" mit Neumeyer Consort, Figuralchor der Ludwigskirche und Solist Florian Feth in der Neunkircher Gebläsehalle.

20. Mai 2017 ganztägig: Aktionsprojekt "Aus der Kutte springen" in der Saarbrücker Innenstadt mit den "Urbanauten" aus München.

5. Juli 2017: Podiumsgespräch mit dem Trierer Bischof Stephan Ackermann und Präses Manfred Rekowski in der Saarbrücker Uni-Aula.

10. September 2017: Großes ökumenisches Singfestival in St. Wendel.

30. Oktober 2017, 17 Uhr: Gottesdienst, Festakt und Markt der Möglichkeiten in und an der Ludwigskirche Saarbrücken .

31. Oktober 2017, 14 Uhr: Kinderchorfest in der Ludwigskirche. Ab 18 Uhr: "Nacht der Reformation".

 Diese blauen, zwei Meter hohen Luther-Büsten weisen vor allen 105 evangelischen Kirchen im Saarland auf das Reformationsjubiläum hin. Foto: Helmut Paulus
Diese blauen, zwei Meter hohen Luther-Büsten weisen vor allen 105 evangelischen Kirchen im Saarland auf das Reformationsjubiläum hin. Foto: Helmut Paulus Foto: Helmut Paulus

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